Der fliegende Holländer

holländer

(Bühnenbild Helmut Jürgens)

Gastbeitrag von Roland Welcker

In Leipzig lebt ein Öko—Stalinist — er heißt Wolfram L.— der das Kunststück fertiggebracht hat, den Satz »Richard Wagner ist kein großer Sohn unserer Stadt« ins Amtsblatt hineinzuschmuggeln. Die Bewunderung für diese Leistung wird aber noch von der Verwunderung darüber übertroffen, daß, obwohl der Artikel nicht anonym erschien, ihm niemand die Fensterscheiben eingeschmissen hat. Wenn Proleten glauben, sie müßten eine Meinung haben und niemand sie hindert, diese als Urteil zu veröffentlichen! Dieser Vorfall machte mich nachdenklich, denn »ich bin fest davon überzeugt (wie unsere Bundeskanzlerin zu sagen pflegt)«, daß wir auch heute viel von Richard Wagner lernen und uns seine Kunst für die Bewältigung der Forderungen des Tages zunutze machen können.

Um nun zu zeigen, daß Richard Wagners Musikdramen nicht nur von Grals, Walhalla, Drachen, Goldschätzen und Rittern handeln müssen, habe ich in meiner diesjährigen Holländer—Inszenierung für Bayreuth (Premiere war am 31. Juli) mich ganz auf das aktuelle Thema Flüchtlingselend und —hilfe konzentriert und diesem die Handlung angepaßt, wie es die Festspielleitung von mir gefordert hatte. So verbindet sich nun der ästhetische Genuß an Musik und Bühnenkunst mit dem herzerhebenden Gefühl, bei menschenfreundlichen Taten dabeisein zu dürfen und wird das Publikum somit aufgefordert, im Kampf gegen Rechts nicht nachzulassen und die armen Flüchtlinge weiterhin und verstärkt willkommen zu heißen. Nota bene: »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!« Daland ist nämlich der Kapitän der Fregatte »Dnalhc Stued Niruns Etbi Gneto Idil Love Hclos«, die nach dem ersten im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtling aus Gabun benannt ist und nach Fahrplan vor der Libyschen Küste patrouilliert, die Insassen der Schlepperboote aufnimmt und somit den Schleppern viel Geld für den Treibstoff nach Sizilien oder Lampedusa erspart. Sein Erster Offizier erklärt gleich anfangs
… durch Gewitter und Meer vom Mohrenstrand
hab‘ dir was mitgebracht.
Nämlich jede Menge Schutzsuchende, die sich eigentlich weiter nichts als ein besseres Leben wünschen — kann man doch verstehen. (Heute würde Richard Wagner selbstverständlich statt Mohr Neger schreiben.) Da taucht nun endlich wieder ein Kahn mit Flüchtlingen auf. Der Schlepper heißt Karl—Heinz Holländer und hat nach siebenwöchigem Einsatz auch wieder ein paar freie Tage vor sich. Er sieht recht deutlich das Ende der Welt vor der Tür stehen, wenn diesem Blödsinn mit der Flüchtlingsproduktion nicht Einhalt geboten wird.
… Wann dröhnt er, der Vernichtungsschlag,
mit dem die Welt zusammenkracht?
(Damit sich’s reimt, muß er “Vernichtungsschlach“ singen.) Aber vorläufig verdient er ja ganz gut mit der Schlepperei. Er übergibt also seine menschliche Fracht und sich selbst an Daland und damit könnte dieses Musikdrama eigentlich zu Ende sein. Aber weil die Zuschauer nun einmal da sind und viel Geld für den Eintritt bezahlt haben, geht es weiter. Auf der Fregatte ist nämlich ein bereits gerettetes Negermädchen, das dem Herrn Holländer sofort ins Auge springt und die er sich für den bevorstehenden Kurzurlaub gern ausborgen möchte. Er mimt also den Einsamen, Ungeliebten; Methode “Niemand hat mich gern“, also so
Ach, ohne Weib, ohne Kind bin ich,
nichts fesselt mich an die Erde!
Rastlos verfolgt das Schicksal mich,
die Qual nur war mir Gefährte.
Und dabei hat der geile Bock den dicken Hintern der Tussi bei ihrem Mittagsgebet schon abgeschätzt! Er bleibt also bei ihr — sie heißt nebenbei gesagt Senta — auf der Fregatte und die Zuschauer saufen einen an der Theke.

Im zweiten Aufzug kümmert sich eine Krankenschwester des Deutschen Roten Kreuzes um die Frauen unter den Flüchtlingen. Sie ist eine mufflige Kröte namens Mary, hat immer nur rumzumeckern. Hier sieht man, wie sie die Mädchen zum Strümpfestopfen anhält und ihnen zeigt, wie man das macht. Daß sie damit schlecht ankommt, läßt sich denken.
»Wir wollen doch nach Deutschland, da braucht man so etwas nicht. Dort bekommen wir alles, was wir wünschen, kostenlos.«
schallt ihr entgegen. Senta aber beruhigt die aufgeheizte Atmosphäre mittels eines anthropologischen Vortrages. (Ich greife hier auf die neuesten Erkenntnisse über die menschliche Frühgeschichte zurück.) Es ist nämlich den Anthropologen seit ewigen Zeiten ein Rätsel, warum die in Afrika entstandenen Menschenrassen nichts Eiligeres zu tun hatten, als kaum auf der Welt den überreichen Kontinent zu verlassen und sich auf der ganzen Erde auszubreiten.
Senta erklärt das nun recht anschaulich, damit das Bayreuther Kulturgesindel es auch versteht. Als der Große Gorilla die ersten Menschen erschaffen hatte (es waren die Australopithecinen), sagte er:
»Ich habe euch nicht geformt, damit ihr selber arbeitet, sondern damit andere für euch arbeiten. Verlaßt also Afrika und wandert aus in ein Land, das Deutschland heißt. Dort gibt es genügend Dumme, die gern für euch schaffen, dort erhaltet ihr alles im Überfluß.«
Sie machten sich auf den Weg und fragten überall nach diesem Land, aber niemand konnte ihnen Auskunft geben. Ihre Suche war also ohne Erfolg, aber sie besiedelten nun den gesamten Erdball. Der Große Gorilla wurde über diesen Mißerfolg sehr zornig und rief:
»In Ewigkeit lass‘ ich nicht ab!«,
nämlich mit der Erzeugung neuer Menschenrassen. So entstand der Homo erectus, dem es nicht anders erging und schließlich eine Rasse, die ein sarkastischer Witzbold Homo sapiens genannt hat. Der nun erlag dem gleichen Schicksal, aber vor wenigen Jahren erst erinnerten sich die Neger an den Befehl des Großen Gorillas, deutsche Gut— und Bestmenschen zeigten das Land im Atlas und es gab kein Halten mehr. Nicht mehr »krzb’sch—dü—dö« oder »mbr’akbü’zz«, sondern »Asyl« und »Deutschland« waren jetzt die seligmachenden Zauberworte. Senta flippt regelrecht aus vor Begeisterung!
Auf der Fregatte jedoch gibt es einen rechtsradikalen Obermaat namens Erik (schon so ein Name!). Mit dieser Figur hat Richard Wagner den bösesten Bösewicht überhaupt geschaffen. Selbst Hagen in Götterdämmerung vereint nicht soviel Menschenhaß, Islamophobie, Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz in sich. Der ist nun regelrecht in die Senta verknallt und hat sie schon mehrmals — ich weiß nun aber nicht, ob dieser Bericht auch von Jugendlichen gelesen wird, also ich meine, na ihr wißt schon. Er kommt nun ausgerechnet in dem Moment zur Tür herein, in dem sie Deutschland als das Land anpreist, das jedem “Willkommen“ zuruft und ohne die geringste Gegenleistung ihn und seine Nachkommen bis ans Lebensende versorgt. In seiner Verzweiflung — er merkt natürlich was Sache ist — wird er richtig lyrisch. Etwa so
Fliehst du zurück vor dieser Wunde,
die du mir schlugst, dem Liebeswahn?
Ach, höre mich zu dieser Stunde!
Hör‘ meine letzte Frage an: —
wird’s Senta sein, die für mich spricht?
Reimschema a — b — a — b — c und das Versmaß lautet ∪ ∪ ∪ — ∪ ∪ ∪ — ∪. Und sie reimt darauf in ihrer Antwort Herzen auf Schmerzen und bin auf Sinn. Ehe es aber zur Katastrophe kommt — die ist dem dritten Aufzug vorbehalten — erscheint Holländer und der menschenverachtende untolerante Neonazi verkrümelt sich. Erstgenannter geht nun der Ische an die Wäsche und scheut auch vor exaltierter Reimkunst nicht zurück um ihr zu imponieren. Kapitän Daland — er ist ein großer Ausländerfreund und arrangiert die Kopulation der beiden — empfiehlt den verfolgten Flüchtling mit warmen Worten
Aus seinem Vaterland verwiesen,
für einen Herd er reichlich lohnt:
sprich, Senta, würd‘ es dich verdrießen,
wenn dieser Fremde bei uns wohnt?
Was ein Zuhälter nicht besser könnte, Daland hats eben drauf
Bleibt hier allein! Ich geh‘ von hinnen: —
Glaubt mir, wie schön, so ist sie treu! …
… Doch keines spricht … Sollt‘ ich hier lästig sein?
So ist’s! Am besten lass‘ ich sie allein.
Also formvollendeter drückt das die deutsche Asylindustrie auch nicht aus, wenn sie uns arbeitsscheue Mohammedaner aus fernen Ländern offeriert. Noch ein Beispiel
Mögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen;
Seemann ist er, gleich mir, das Gastrecht spricht er an.
Lang‘ ohne Heimat, stets auf fernen, weiten Reisen,
in fremden Ländern er der Schätze viel gewann.
Das ist aber euphemistisch gesprochen, soll heißen, er hat viel Geld an die Schlepper bezahlt (Käptn Daland weiß ja nicht, daß Karl—Heinz selber einer ist, das steht nur im Programmheft). Man sieht, Richard Wagner war seiner Zeit weit voraus. (Für Gebildete: man nennt das Antizipation.) Eine erstaunliche Parallele zu den heutigen Zuwanderern, die, kaum eingetroffen, schon damit beginnen, die Staatskasse zu füllen. Holländer legt sich nun gewaltig ins Zeug, um die Senta rumzukriegen, sie ist aber auch schon ganz schön feucht und so duettieren sie sich eigentlich nur, weil ihr Untergang im dritten Aufzug bühnenpsychologisch vorbereitet werden muß.
Wer du auch seist, und welches das Verderben,
dem grausam dich dein Schicksal konnte weihn —
was auch das Los, das ich mir sollt‘ erwerben:
gehorsam stets werd‘ ich dem Vater sein!
sagt sie. Das mit dem Vater zu erklären, würde jetzt zu weit führen. Er ist aber auch nicht gerade maulfaul und schlägt in dieselbe Kerbe mit
Du könntest dich für ewig mir ergeben,
und deine Hand dem Fremdling reichest du?
Soll finden ich nach qualenvollem Leben
in deiner Treu‘ die langersehnte Ruh‘?
Senta aber treibts nun auf die Spitze, sie überschlägt sich fast in ihrer Begeisterung
Von mächt’gem Zauber überwunden,
reißt mich’s zu seiner Rettung fort:
hier habe Heimat er gefunden,
hier ruh‘ sein Schiff in sichrem Port!
während Holländer sich schon seiner Sache sicher ist und das dem Publikum in Versform mitteilt
Du, Stern des Unheils, sollst erblassen,
Licht meiner Hoffnung, leuchte neu!
Ihr Engel, die mich einst verlassen,
stärkt jetzt dies Herz in seiner Treu‘!
Knutsch — knutsch — knutsch — Vorhang — Pinkelpause.

Während die Matrosen der Fregatte sich einen ansaufen — der Erfolg mit der Rettung des Holländer—Bootes, randvoll beladen mit Asyl—Banditen, muß gehörig gefeiert werden — macht der Rassist Erik der Senta eine Szene (laut Textbuch ist es der zweite Auftritt). Er ist einfach sauer; kaum ist Hans—Dieter an Bord, schmeißt sie sich ihm an den Hals, er versteht nun die Welt nicht mehr. Aber wer kann das wirklich von sich und vor allem von dieser Welt behaupten? Erik jedenfalls vergißt vor Schreck über das, was er erfährt, seine Argumentation in ordentliche Reime zu fassen, so von Sinnen ist er. (Zweimal Macht gibt ein rotes W am Rande.)
… Welch unheilvolle Macht riß dich dahin?
Welch Macht verführte dich so schnell,
grausam zu brechen dieses treuste Herz! …
Dame Senta ist aber auch nicht um eine Antwort verlegen, das heißt, sie antwortet eben nicht, sondern weicht aus
Oh, frage nicht! Antwort darf ich nicht geben …
Nicht mehr! Nicht mehr! Ich darf dich nicht mehr sehn, …
Alles klar, weibliche Logik eben. Da ist es gut — Richard Wagner gingen ja wie wir hören die Reime aus; er lebte zwar in Samt und Seide, war aber zu geizig, einen Librettisten zu engagieren und schmiedete die Texte selbst — da ist es gut, sage ich, daß in diesem Moment Holländer auftaucht und wieder Ordnung in die Endsilben bringt, also nun wird wieder ordentlich “Treue“ auf “bereue“, “Gott“ auf “Spott“, “traun“ auf “Klau’n“ usw. gereimt, wie es sich gehört. Die drohende Gefahr erkennend, schnappt er einfach seine Senta, schwingt sich mit ihr in sein noch beiseits liegendes Boot und rattert los, Richtung Deutschland. Senta ist begeistert. Endlich mal ein richtiger Mann, nicht so ein lendenlahmer fremdenfeindlicher Neonazi! In höchster Ekstase besingt sie seine von Anfang an richtig eingeschätzte Manneskraft, die sie der des Propheten (AsiusiH), der elf Frauen hatte, gleichsetzt
Wohl kenn‘ ich dich! Wohl kenn‘ ich dein Geschick!
Ich kannte dich, als ich zuerst dich sah!
Das Ende deiner Qual ist da! — Ich bin’s,
durch deren Treu‘ dein Heil du finden sollst!
Nun geschieht aber das, was nur die wissen, die das Programmheft (an der Abendkasse für 1.— € erhältlich) gelesen haben. Erik hat nämlich im Boot eine islamkonforme Sprengladung installiert, die im richtigen Moment hochgeht. Die Trümmer des Bootes fliegen über die Bühne und die beiden Liebenden werden in transportgerechte Stücke zerlegt. Während Erik sich freut, wie alles so schön funktioniert hat und Daland entsetzt (»betroffen«) ist, sieht man die liebend vereinten Seelen langsam in Allahs Himmel aufsteigen. Das Publikum bekommt nun Gelegenheit zum Applaus, der während der einzelnen Aufzüge untersagt ist.

* * *

Es kann aber auch passieren, daß der Schluß dem verehrten Gutmenschengesindel im Publikum mißfällt, obwohl doch die Deutschen sich jede Art von Kritik längst abgewöhnt haben. Für diesen Fall und um die Inszenierung zu retten, habe ich auch einen anderen Schluß vorbereitet. Nämlich: Erik erkennt, daß die allgemeine Menschenliebe und die Liebe zweier Menschen eine stärkere Kraft ist als seine dumpfen Parolen des Hasses und der Menschenverachtung. Er läßt ab von seinen irrigen Ansichten und nimmt den mohammedanischen Glauben an. Denn, wie er sagt, der Islam ist eben doch die Religion des Friedens ®. Mit Karl—Heinzens Boot fahren sie via Gibraltar — Ärmelkanal — Elbe — Mulde bis Grimma, dann per Anhalter nach Leipzig. Daland bleibt aber mit seinem Schiff vor Ort und verspricht, baldmöglichst Verstärkung zu schicken. Auf den Gibraltarfelsen grüßt sie ein Feuerwerk (ich habe ja das für die Explosion vorgesehene vorrätig). Dort leben die Nachkommen der Moslems, die der 1492er Vertreibung aus Spanien entkommenen sind. In Leipzig nun bauen sie eine Moschee — der oben erwähnte Wolfram hilft beim Bauantrag — und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie — leider — noch heute (von unserem Geld, versteht sich).

  1. #1 von Heimchen am Herd am 17/08/2016 - 20:29

    „denn »ich bin fest davon überzeugt (wie unsere Bundeskanzlerin zu sagen pflegt)«, daß wir auch heute viel von Richard Wagner lernen und uns seine Kunst für die Bewältigung der Forderungen des Tages zunutze machen können.“

    Jetzt weiß ich auch, woher ihr Größenwahn kommt. Zuviel Wagner ist nicht gut für
    einen Politiker!

    Richard Wagner: Götterdämmerung – Finale

    *

  2. #2 von quotenschreiber am 17/08/2016 - 21:20

    Am heutigen Tag, im Jahr 1876, hat Wagner seinen Ring der Nibelungen vollendet.

  3. #3 von Sophist X am 18/08/2016 - 08:13

    Das Angela-Zitat, sei es wahr oder erschummelt, fängt das Wesen dieser Rhetorik aus Satz-Bauklötzchen ihrer FDJ-Zeit überzeugend ein.

    «ich bin fest davon überzeugt …, daß wir auch heute viel von Richard Wagner lernen und uns seine Kunst für die Bewältigung der Forderungen des Tages zunutze machen können.»

    Man könnte ihr zugute halten, dass Wagner in den Lehrplänen der Polytechnischen Oberschulen keine prominente Rolle spielte Sie wusste also womöglich nicht, um wen es geht und sie musste auf generische Redengerüste zurückgreifen. Merkel-Reden sind allerdings zugegeben nicht mein erstes Interessengebiet.

    «ich bin fest davon überzeugt …, daß wir auch heute viel von Roland Welcker lernen und uns seine Kunst für die Bewältigung der Forderungen des Tages zunutze machen können.»

    «ich bin fest davon überzeugt …, daß wir auch heute viel von Michelangelo Buonarotti lernen und uns seine Kunst für die Bewältigung der Forderungen des Tages zunutze machen können.»

    «ich bin fest davon überzeugt …, daß wir auch heute viel von Dieter Bohlen lernen und uns seine Kunst für die Bewältigung der Forderungen des Tages zunutze machen können.»

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