Ein Mörder auf der Flucht

Kann Jonnys Peiniger für immer untertauchen – fragt die WELT. Untertauchen sicher nicht, denn in der Türkei, wo der Mercedes-S-Klasse-Fahrer sich abgesetzt hat, sorgt ein dichtes Spitzel- und Überwachungsnetz dafür, dass kaum eine Person unentdeckt bleibt. Allerdings ist fraglich, ob die Türken einen der ihren an Deutschland ausliefern oder für den Mord an einem Ungläubigen nachhaltig verfolgen würden.

Ein höchst unkorrekter Artikel hat es bei WELT-Online an die Öffentlichkeit geschafft:

Fünf Verdächtige hat die Polizei in dem Fall, der die Berliner bewegt hat wie zuletzt kaum ein anderer, nun schon gefasst. Einer jedoch fehlt: der Haupttäter, ein 19 Jahre alter Mann offenbar türkischer Abstammung.

Er hat einem Medienbericht zufolge erst wenige Wochen vor der Tat ein Anti-Gewalt-Seminar absolviert. Das berichtete der RBB am Freitag unter Berufung auf Gerichtskreise. Ein Sprecher bestätigte, dass ein gesuchter Tatverdächtiger bereits einschlägig vorbestraft sei.

Die deutschen Behörden gehen davon aus, dass sich der junge Mann, der von seinen Kumpanen beinah übereinstimmend als „Anstifter“ beschuldigt wurde, in die Türkei abgesetzt haben könnte.

Fragen stellen sich: Könnte sich der mutmaßliche Täter so der Strafe entziehen? Kann er in der Türkei „untertauchen“? Würde die dortige Polizei gegen ihn vorgehen, würde man ihn ausliefern oder dort anklagen?

Am einfachsten zu beantworten ist die Frage danach, ob man in der Türkei „abtauchen“ kann. Die Antwort ist: nein. Datenschutz, wie man ihn in Deutschland kennt, existiert in der Türkei nicht. Die Bürger werden genauer überwacht als in vielen anderen Ländern der Welt.

Jeder, der an einem Grenzübergang einreist – was wohl der Fall sein müsste, wenn der Tatverdächtige, wie es in Medien heißt, „in einem Mercedes der S-Klasse“ unterwegs war – wird automatisch fotografiert. Im Land selbst, besonders in Großstädten wie Istanbul, sind fast überall Sicherheitskameras installiert.

Die Einsatzzentrale der Polizei in Istanbul etwa, mit 3000 Videomonitoren, ist einer der modernsten Überwachungsapparate der Welt. Zahlreiche Polizeispitzel sind im Einsatz. Es herrscht Meldepflicht, beim sogenannten Muchtar, eine Art Dorf- oder Nachbarschaftsverwalter, der typischerweise jede Familie in seinem Sprengel persönlich kennt.

Darüber hinaus ist die Bereitschaft der Bürger groß, verdächtige, plötzlich hinzugezogene Fremde der Polizei zu melden. Diese wiederum geht solchen Hinweisen in der Regel gründlich nach. In der Nachbarschaft spräche es sich schnell herum, wenn der Tatverdächtige beispielsweise bei Verwandten Zuflucht suchen sollte – ein Klassiker – und die Nachbarschaft vermutlich auch wüsste, dass der neue Nachbar in Deutschland Dreck am Stecken hat.

Kurz und gut: Es ist sehr schwer, sich in der Türkei zu verstecken. Wenn die Behörden den Mann finden wollen, werden sie ihn finden. Aufgrund des politischen Wirbels um den aufsehenerregenden Fall haben sie wohl auch ein Interesse daran.

Das heißt noch nicht, dass die Türkei ihn auch ausliefern würde. Der Mann besitzt offenbar die deutsche Staatsbürgerschaft. Wenn er aber auch die türkische besitzt – was die deutschen Behörden nicht unbedingt wissen müssen –, dann wird ihn die Türkei auf keinen Fall ausliefern, ebenso wenig wie die deutschen Behörden einen deutschen Staatsbürger an die Türkei ausliefern würden.

Im Prinzip ist die Aufgabe der türkischen Staatsbürgerschaft Vorbedingung für die Erlangung der deutschen Staatszugehörigkeit, in der Praxis gibt es aber offenbar Fälle, wo frischgebackene Deutsche Staatsbürger nach der Erlangung ihres deutschen Passes zusätzlich doch wieder in der Türkei die türkische Staatsbürgerschaft beantragten.

Um eine Auslieferung zu erreichen, bedarf es dreierlei Voraussetzungen von deutscher Seite. Erstens einen gültigen, möglichst internationalen Haftbefehl zweitens ein Rechtshilfeersuchen der Staatsanwaltschaft, dem auch – so ein sachkundiger westlicher Diplomat in der Türkei – „Beweise“ beigefügt sein sollten. All das in beglaubigter türkischer Übersetzung.

Nur wenn diese beiden Voraussetzungen gegeben sind, würden die türkischen Behörden überhaupt nach dem Täter fahnden. Sollten sie ihn dann fassen, bedarf es noch eines deutschen Auslieferungsantrags.

Über alldem dürfte auf jeden Fall Zeit vergehen. Angesichts der Brisanz des Falles kann es sein, dass die türkischen Behörden bemüht sein werden, den Täter zu fassen. Es stimmt hoffnungsfroh, dass einer der Verdächtigen offenbar nach der Tat kurz in die Türkei reiste, dann aber zurückkehrte und sich der Polizei stellte.

Er mag eingesehen haben, dass es keinen Zweck hatte. Auch eine im Berliner „Tagesspiegel“ zitierte Aussage der deutschen Ermittler, wonach es nur eine Frage der Zeit sei, bis der Täter in der Türkei ausfindig gemacht werde, deutet darauf hin, dass die deutsche Polizei zuversichtlich ist, dass ihre türkischen Kollegen den Mann finden.

In geringeren Angelegenheiten ist jedoch eher eine recht schwierige Kooperation die Norm. Paradebeispiele für eine dysfunktionale Zusammenarbeit deutscher und türkischer Ermittler sind finanzielle Straftaten.

Beispielsweise klagten deutsche Stellen in Verfahren um Geldwäsche und Betrug mit offenbar auch politischen Hintergründen um sogenannte islamische Holdings und später die „Wohltätigkeitsorganisation“ Deniz Feneri, dass die türkische Seite kaum auf Rechtshilfegesuche reagiere.

Auch wenn es um Vermögensforschung geht in Fällen mutmaßlichen Sozialbetrugs – wenn also in Deutschland ansässige Bürger mit türkischer Staatsangehörigkeit oder auch nur türkischer Abstammung Sozialhilfe in Anspruch nehmen, aber in der Türkei beträchtliche Vermögenswerte besitzen, – mauern die türkischen Behörden systematisch, zuweilen mit der Begründung, der Sachverhalt stelle in der Türkei keine Straftat dar.

Totschlag aber, oder auch Mord, so wie es sich viele Berliner wohl als Vorwurf für die noch zu erstellende Anklageschrift im Fall Jonny K. wünschen würden, ist wohl überall eine schwerwiegende Straftat.

  1. #1 von Yusuf Alkan am 28/10/2012 - 16:26

    Name und Bild des vermutlichen Mörders vom Alexanderplatz. Meinem Eindruck nach ist diese Seite bzw. der Bericht seriös.

    http://islamnixgut.blogspot.de/2012/10/berlin-turken-oder-araber-treten.html

    Warum gibt es keine Steckbrieffahndung?

  2. #2 von tyrannosaurus rex am 29/10/2012 - 07:39

    In der Türkei behandelt man solche Totschläger wie auch Kindermörder und Schänder sowie Vergewaltiger nicht gerade freundlich. Von dem Kindermörder vom Möhnesee der dorthin geflüchtet war und wegen des Verfolgungsdruckes durch den Schwiegervater und dessen 16 Helfer sich der Polizei stellte hat man auch nichts mehr gehört. Einen Anderen türkischer Mörder der in D eine komplette Familie vor einigen Jahren tötete fand man kurz darauf noch vor einer Verhandlung mit einem Strick um den Hals in seiner Zelle hängend. Angeblich Selbstmord. Möglicherweise bekommt der geflohene Intensivtäter und brutale Mörder dort die Strafe die wir ihm nicht geben können!

  3. #3 von almansour am 29/10/2012 - 16:57

    Aus gutem Grunde ist es Bürgern der Bundesrepublik Deutschland nicht erlaubt, eine weitere Staatsbürgerschaft zu besitzen. Aus schlechtem Grunde wird dagegen ständig verstoßen, von Bürgern türkischer Herkunft. Aus schlechtestem Grunde schreiten deutsche Behörden nicht ein – und sind so mitschuldig am Untertauchen von Verbrechern.