Amerikanische Werte gehen verloren

Es wirkt schon merkwürdig, ausgerechnet in einer deutschen Zeitung über den Verlust traditioneller Werte in den USA zu lesen. Denn in dieser Hinsicht gäbe es genug vor der eigenen Türe zu kehren, wo die Ideale der Freiheit und Selbstbestimmung längst in den Dreck getreten wurden. Aber manchmal sieht man eben den Splitter im Auge des Anderen besser als den eigenen Balken.

Die WELT bringt ein Interview mit dem amerikanischen Politologen Charles Murray:

Die Welt: Was ist in Amerika schiefgelaufen?

Charles Murray: Was schiefgelaufen ist, ist die eine Frage, die andere ist das Warum. Meiner Meinung nach waren bereits die Sechzigerjahre eine Katastrophe. Damals wurden Programme eingeführt, die die sozialen Spielregeln drastisch verändert haben. Für alle Amerikaner, aber vor allem für junge, arme und schwarze Amerikaner.

Durch diese veränderten Spielregeln wurde verschleiert, welche schmerzlichen Folgen es hat, wenn man zum Beispiel keinen Schulabschluss macht, mit dem Gesetz in Konflikt gerät, mit Drogen zu tun hat oder vielleicht Mutter wird, ohne verheiratet zu sein. Und um auf das Was einzugehen: Wir haben Gesellschaftsschichten herausgebildet, die sich in ihrer Art von allem unterscheiden, was wir bisher kannten.

Das Großartige an Amerika war doch, dass die Amerikaner allesamt zur Mittelschicht gehören wollten. Das ist heute anders; und es ist keine Frage des Geldes. Die Leute sind nicht übermäßig reich, aber wenn man sich anschaut, wie sie leben, was sie essen, was sie im Fernsehen interessiert, welche Sportarten sie betreiben, dann zeigt sich, dass sich mit ihnen eine andere Kultur etabliert hat, die ich die neue Elite nenne.

Früher wohnten der Fabrikbesitzer, der Polizeichef und der einfache Arbeiter wenige Straßen voneinander entfernt. Das hat sich alles geändert. Die soziale Kluft ist sehr groß geworden. Hier die neue Elite. Dort die weiße Arbeiterschicht, die jetzt die neue Unterschicht darstellt. Und die Tugenden, die diese Klasse charakterisierten – hart arbeiten, gläubig sein, die Familie hochhalten – sind weggefallen, weil der Boden dafür nicht mehr vorhanden ist.

Die Welt: Was machen wir mit den schlecht ausgebildeten jungen Männern?

Murray: Ich bin Vater von drei Töchtern und sehr froh darüber, dass sie heute bessere Chancen haben. Ein unvermeidlicher Nebeneffekt aber ist, dass sich auch die ökonomischen Möglichkeiten der Frau verbessert haben, wodurch der Status des Mannes als Ernährer gelitten hat.

Was auch nicht hätte passieren dürfen, ist die Feminisierung des Schulsystems. Wettbewerb wird zumeist als negativ aufgefasst und möglichst verhindert, jeder soll belohnt werden, dem Selbstvertrauen wird eine übersteigerte Bedeutung beigemessen. Für Männer ist der Wettbewerb ja gerade förderlich, er ist Antrieb dafür, andere zu überflügeln.

Das gilt in der akademischen Welt genauso wie anderswo. Jungen tut Wettbewerb gut. In jeder erdenklichen Weise wird versucht, die machistischen Elemente zu verbannen, an denen Frauen sich stören. Manchmal durchaus mit gutem Grund. Doch den Jungen wird der zum Siegen anreizende Wettbewerb genommen, der sie erst richtig aufblühen lässt.

Die Welt: Führt das zu Minderwertigkeitskomplexen bei den Männern oder zu gestörten Verhaltensmustern?

Murray: In gewisser Weise ja, denn es gibt einen weiteren Aspekt, den wir noch nicht angesprochen haben: die Beziehung zwischen Mann und Frau. Als ich aufgewachsen bin, gehörte es zum „Mannsein“, dass man Frauen gegenüber höflich war. Das schließt nicht aus, dass man damals genauso an Sex interessiert war wie heute, aber es kam nicht infrage, ein Mädchen betrunken zu machen, um Sex mit ihr haben zu können.

Damit hätte man sich vor seinen Freunden nicht brüsten können, ja dafür wäre man sogar von ihnen verachtet worden. So etwas gibt es heute nicht mehr, soweit ich es sehe. Seit wir zu der Auffassung gelangt sind, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, gibt es diese alte Denkart nicht mehr.

Dabei kann man doch bei Jungen so gut daran appellieren, dass Mannsein auch bedeutet, Verantwortung zu tragen und „Beschützer“ zu sein. Aber davon will man nichts mehr wissen. Politiker können es sich nicht leisten, in solchen Fragen einen Standpunkt zu vertreten. Ein Präsidentschaftskandidat kann unmöglich sagen, was ich gerade über Jungen gesagt habe. Das wäre politischer Selbstmord.

Die Welt: Kommt es zu Interaktionen zwischen den sozialen Schichten?

Murray: Kaum. In meinem Buch gibt es ein Fragequiz: „Wie groß ist deine Seifenblase?“ Es besteht aus 25 Fragen zum eigenen Leben. Wenn man eine hohe Punktzahl erzielt, sagt das aus, dass man den Durchschnittsamerikaner kennt und versteht. Erzielt man eine niedrige Punktzahl, tut man das nicht.

Viele Eltern, die selbst aus der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht stammen und in ihr aufwuchsen, sind sich darüber im Klaren, dass ihre Kinder eine sehr niedrige Punktzahl erzielen würden. Denn sie wachsen ja jetzt in der oberen Mittelschicht auf und gehen mit Kindern in die Schule, die genauso sind wie sie.

Und das setzt sich an der Universität und im Berufsleben fort. Sie kommen also quasi nie mit Durchschnittsamerikanern in Berührung. Das beunruhigt ihre Eltern, und es könnte sein, dass ich da einen Nerv getroffen habe und etwas in Bewegung kommt. Die intellektuelle Spitze in den USA hat meines Erachtens immer größere Ähnlichkeit mit der in Europa. Ich habe den Eindruck, dass zum Beispiel französische Intellektuelle sich unter niederländischen Intellektuellen wohler fühlen als unter französischen Bauern.

Man empfindet eine größere Nähe zu anderen Intellektuellen. Das scheint bei den amerikanischen Intellektuellen nicht anders zu sein. Die Intellektuellen in Frankreich fühlen sich also nicht in erster Linie als Franzosen, die französische Fabrikarbeiter und französische Bauern automatisch als ihre Freunde betrachten. Da existiert ein sehr großer sozialer Graben, und der tut sich jetzt auch in den USA auf.

Der intellektuelle Teil der amerikanischen Bevölkerung empfindet eher eine Verwandtschaft zu europäischen Intellektuellen, weil es da größere Gemeinsamkeiten gibt, während er den Durchschnittsamerikaner für reaktionär hält. Ja man könnte sogar sagen, das intellektuelle Amerika verachtet den Durchschnittsamerikaner.

Eine vergleichbare Entwicklung sieht man in der Informations- und Kommunikationsbranche. Das sind sehr intelligente Leute, die zwar nicht an Universitäten arbeiten, aber dieselben kulturellen Werte haben.

Auch sie haben keine hohe Meinung vom Durchschnittsamerikaner. Als vorteilhaft könnte es sich erweisen, dass ein Großteil dieser Gruppe asiatischer Abstammung ist. Vielleicht können sie Werte und Normen beisteuern, die uns über diese Krise hinweghelfen.

Die Welt: Was die Vereinigten Staaten eint, ist das Gedankengut der Gründungsväter. Denn am Anfang gab es natürlich keine Einheit, keine Ethnizität, die alle Menschen verbunden hätte. Was passiert, wenn man an diesen Grundfesten rüttelt?

Murray: Amerika muss sich neu erfinden, weil es kein Zurück zu dem Amerika geben wird, in dem jedes Kind in der Schule die ikonischen Geschichten von Amerika lernte. Die ethnische Zusammensetzung verändert sich so rasch, dass es in wenigen Jahrzehnten Bundesstaaten geben wird, deren Bevölkerung überwiegend aus Latinos besteht.

Auch die asiatische Minderheit wächst gewaltig. Das finde ich nicht wegen der Ethnizität an sich besorgniserregend. Sondern ich fürchte, Amerika wird nicht mehr der Schmelztiegel sein, in dem jeder in die Gesellschaft integriert und zum Amerikaner umgeformt wurde. Wenn also die Schulen hier den Menschen, die in unser Land kommen, nicht mehr erklären wollen, wie dieses Land funktioniert, wie sollen wir dann den Leim bewahren, der dieses Land zusammenhält?

Immer basierend auf dem Grundgedanken, dass Amerika anders ist. Anders aufgrund seiner konstitutionellen Staatsform und einer Verfassung, die unsere Gründer entworfen haben und die eine andere Verfassung ist als diejenige, wie sie viele Amerikaner heute erleben. Eine sehr beängstigende Situation.

Die Welt: In Europa haben wir den Fehler gemacht zu denken, dass ein Versorgungsstaat auch ein Einwanderungsland sein kann. Und Amerika macht den Fehler zu denken, dass es möglich sei, ein Einwanderungsland zu einem Versorgungsstaat zu machen. Das schafft die gleichen Probleme. Und das bedeutet, dass wir im gleichen Schlamassel sitzen, den wir uns nur aus unterschiedlichen Gründen eingebrockt haben.

Murray: Trotzdem muss ich sagen, dass sich die Einwanderung immer noch in vielerlei Hinsicht positiv für uns auswirkt oder sich positiv auswirken könnte. Zum Beispiel die Latinos. Ich sehe schon in meiner Stadt – ich komme aus Frederick (Maryland), weit entfernt von der mexikanischen Grenze – so viele Latinos arbeiten.

Ihr Verhalten ist traditionell – und ausgesprochen amerikanisch: Sie arbeiten hart, sparen, kommen weiter. Die Asiaten sind amerikanischer als die Amerikaner selbst. Sie haben meist zwei Jobs, und ihre Kinder gehen auf die Universität, obwohl die Familie nichts hatte, als sie hier ankam.

Ich glaube, dass wir kein so großes Problem haben wie Europa. In Europa hat man es eigentlich schon geschafft, wenn man mal drinnen ist (er lacht), ob man nun aus Nordafrika kommt oder von wer weiß wo. Der Versorgungsstaat ist so offen und so großzügig, dass auch viele kommen, die das missbrauchen.

Die Welt: Jede Gesellschaft gründet auf der Idee des sozialen Zusammenhalts. Der wird also erschwert, wenn ein Versorgungsstaat große Migrantengruppen aufnimmt?

Murray: Langfristig schon, ja. Das heißt nicht, dass wir uns nicht neu erfinden könnten, aber das wird von einer leicht veränderten Grundlage aus geschehen müssen. Ich glaube, dass es schon viel ausmachen würde, wenn sich der Staat nicht mehr so stark in die amerikanische Wirtschaft einmischen würde.

Das ist einer der wenigen Gründe dafür, weshalb ich mich darüber freue, dass Mitt Romney kandidiert. Man kann amerikanische Unternehmer nämlich gängeln und runterziehen, wie es Präsident Barack Obama bis jetzt getan hat. Romney würde dieses Gängelband ein wenig lockern, und so könnte manches zurückkehren. Ich meine, wir werden nie wieder T-Shirts produzieren und damit Gewinne erzielen.

Es wird schon schwer genug sein, gewinnbringend Autos herzustellen. Aber Amerika kann auf vielen Gebieten wettbewerbsfähig sein. Die Schuld für seinen heutigen Zustand laste ich der Regierung und ihren Regulierungen an.

Die Welt: Amerika ist zur Zeit ein Land mit verschiedenen Seelen. Ich weiß aber nicht, ob man mit verschiedenen Seelen in der Brust überleben kann. Man könnte das auch als Schizophrenie bezeichnen …

Murray: Ich fürchte, ich muss Ihnen da zustimmen. Ein prinzipienfester, charismatischer Führer wurde Präsident und konnte endlos aus dem Fass patriotischer Liebe zu den ursprünglichen Vereinigten Staaten schöpfen. Diese Liebe nimmt zwar ab und wird diffuser, aber es ist immer noch genug davon da, um etwas zu bewegen.

Spürnase: Schweinsleber

  1. #1 von zrwd am 28/10/2012 - 11:50

    stimmt, was der Murray sagt.

  2. #2 von schweinsleber am 28/10/2012 - 12:58

    kann man 1:1 für uns übernehmen.

    was hält eigentlich auch unsere gesellschaft auch noch zusammen?
    wo gibt es noch eine begegnungszone, wo sich arbeiter, angestellte und studierte sich treffen und zu zusammen arbeiten können?

    dämmert es?

    es ist die armee!

    wenn ihr aber die wehrpflicht abschafft, dann löst ihr diese klammer und die gesellschaft driftet weiter auseinander.

    muss mich unbedingt bei divisionär (generalmajor) schlapbach für diese erkenntnis bedanken, die er mit uns vor jahren auf dem feld geteilt hat.

  3. #3 von mike hammer am 28/10/2012 - 13:37

    OBAMA

    oder, die kunst der rede ohne INHALT!

  4. #4 von Kruzifünferl am 29/10/2012 - 20:26

    #2 von schweinsleber am 28/10/2012 – 12:58
    … was hält eigentlich auch unsere gesellschaft auch noch zusammen? … es ist die armee!

    Das ist nur eine von zahlreichen Möglichkeiten.
    Ich sehe hier vielmehr die zahlreichen Vereine.
    Man sagt den Deutschen nach, „Vereinsmeier“ zu sein. Vielleicht stimmt das.
    Ich bin selbst Mitglied in zahlreichen Vereinen und einer Partei.
    In allen dieser Institutionen finden sich sehr unterschiedliche Menschen.
    Unterschiedliche Bildung, Berufe, Einkommen.
    Aber über das jeweilige gemeinsame Interesse findet sich jeweils schichtübergreifendes Interesse.
    Und das ist gut. Man kann voneinander lernen, sich akzeptieren und achten.

    Und hier ist die Betrachtung interessant, wer sich in welchen Vereinen tummelt.
    Der Anteil von Menschen mit Musel-MiHigru bei unserer freiwilligen Feuerwehr beträgt 0,0 %,
    der Anteil von Menschen mit Musel-MiHigru bei unsereren Rettungsdiensten (DRK, Johanniter) beträgt 0,0 %,
    der Anteil von Menschen mit Musel-MiHigru bei den Beiräten für Kindergärten / Kindertagesstätten beträgt weniger als 10 %,
    der Anteil von Menschen mit Musel-MiHigru bei örtlichen Fußballvereinen beträgt über 30 %,
    der Anteil von Menschen mit Musel-MiHigru in hiesigen Billig-Mucki-Buden beträgt über 60 %.
    Bei Vereinen mit Selbstverteidigung usw. kann ich derzeit leider nichts sagen, aber mir meinen Teil denken.

  5. #5 von Kruzifünferl am 29/10/2012 - 20:30

    @ Kruzifünferl am 29/10/2012 – 20:26
    … ich ersetze „schichtübergreifendes Interesse“ durch
    „schichtübergreifendes Verständnis“