Fukushima – ein Fachmann im Interview

Das gehört in deutschen Medien zur großen Ausnahme: Ein tatsächlicher Fachmann kommt im Welt-Interview zu Wort. Der Oxford-Professor für Physik Wade Allison erklärt, warum Fukushima keine Katastrophe war und schon garnicht ein Grund für Deutschland, aus der Nutzung der Kernenergie auszusteigen.

WELT-Interview mit dem kompetenten Physiker:

Welt Online: Vor kurzem haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen von atomarer Strahlung (UNSCEAR) Studien zu den Folgen des Reaktorunfalls von Fukushima veröffentlicht. Sind das gute oder schlechte Nachrichten?

Wade Allison: Gute Nachrichten. Sie bestätigen, was schon seit einiger Zeit offensichtlich ist: Niemand ist durch den Unfall gestorben; niemand wurde durch Strahlung verletzt oder musste für lange Zeit ins Krankenhaus.

Welt Online: Doch was ist mit den Spätfolgen? Vielleicht gibt es jetzt keine Toten, aber es wird sie in der Zukunft geben.

Wade Allison: Schauen wir uns dazu einmal an, was wir über Hiroshima und Nagasaki wissen. Da gibt es verlässliche und tragfähige Daten. Von 1950 bis 2000 hat man den Lebensweg von rund 6000 Menschen verfolgt, die Strahlung zwischen 100 und 200 Millisievert (mSv) erhalten haben. Viele dieser Menschen starben in diesem Zeitraum an Krebs, ebenso wie auch in anderen japanischen Städten. Allerdings lag die Rate der Krebstoten in Hiroshima und Nagasaki etwas höher, so dass, statistisch gesehen, ein Mensch von 150 an durch Strahlung verursachten Krebs gestorben ist. Was bedeutet diese Zahl für Fukushima? In Fukushima gibt es weniger als 150 Personen, die eine Strahlendosis im genannten Bereich erhalten haben. Überträgt man also den Wert 1 zu 150 auf die Lage in Fukushima, sieht man unmittelbar, dass Spätfolgen in der großen Zahl von ohnehin auftreten Krebserkrankungen nicht sichtbar sein werden.

Welt Online: Auch der Leiter der UNSCEAR-Studie, der US-Nuklearmediziner Fred Mettler, sagt: Langzeitwirkungen wird man nicht feststellen können, da die Belastung zu gering war.

Wade Allison: Richtig. Hinzu kommt, dass sich in der Region Fukushima die Freisetzung von Strahlung über einen längeren Zeitraum erstreckte. Aus der medizinischen Strahlentherapie wissen wir, dass Strahlenschäden repariert werden, wenn sich die Belastung zeitlich verteilt. Der Körper ist viel schlauer als all das, was Kontrollgremien anordnen können.

Welt Online: Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine neue Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Wade Allison: Ja. MIT-Forscher haben gerade eine Studie veröffentlicht, die für mich wichtiger als die Untersuchungen von WHO und UNSCEAR ist. Sie haben Mäuse fünf Wochen lang mit 105 mSv bestrahlt. Diese Dosis ist etwa 400mal größer als die natürliche Hintergrundstrahlung allein. Bei kurzzeitiger Bestrahlung mit dieser Dosis konnten die Forscher DNA-Schäden feststellen. Keine Schäden traten auf, wenn die Mäuse die Strahlendosis gleichmäßig über fünf Wochen verteilt erhielten. Ein Mangel des Experiments ist, dass es aus naheliegenden Gründen an Mäusen, nicht an Menschen durchgeführt wurde. Der Unterschied dürfte aber nur klein sein. Das Ergebnis legt also nahe, dass es in Japan kein Strahlenproblem gibt. Und dass es nie eines gegeben hat. Das ist die gute Nachricht.

Welt Online: Ihre Ansicht steht in starkem Gegensatz zur öffentlichen Meinung. Fukushima – das ist für viele Menschen die ultimative Atomkatastrophe.

Wade Allison: Man kann da gewiss nicht von einer Atomkatastrophe sprechen. Vier Reaktoren haben sich selbst zerstört. Das ist ein sehr großer und sehr teurer Schaden, vergleichbar mit manchen Zerstörungen in der Ölindustrie. Aber es gab keine Strahlenkatastrophe in Fukushima; niemand ist gestorben. Allerdings gab es Angst, und die Angst vor Strahlung hat großen Schaden angerichtet.

Welt Online: Heute kehren Menschen in ausgewählte Gebiete der Sperrzone zurück. Ein richtiger Schritt?

Wade Allison: Als das Kühlsystem im Kraftwerk Fukushima 1 am 11. März ausfiel, wusste niemand, wie schwer der Unfall werden würde. Deshalb war es richtig, die Menschen für ein paar Wochen zu evakuieren. Am 26. März schrieb ich in einem Artikel für den BBC World Service, dass die Bewohner zurückkehren sollten. Zu dem Zeitpunkt konnte man die Lage einschätzen. Die Reaktoren waren abgeschaltet und konnten nicht mehr kritisch werden. Damals hätten die evakuierten Menschen zurückkehren können. Um also Ihre Frage zu beantworten: Ja, es ist richtig, dass die evakuierten Bewohner jetzt zurückkehren. Aber damit hätte man schon früher beginnen sollen.

Welt Online: Fred Mettler sagte dem britischen Fachjournal „Nature“, dass man nicht zu sehr auf strikte Grenzwerte für Strahlung setzen solle. Vielmehr müsse man den Menschen sagen, „wie die Lage ist, was daraus folgt, und sie entscheiden lassen, ob sie das Risiko eingehen wollen.“

Wade Allison: Das ist sehr vernünftig. So gehen wir mit anderen Lebensrisiken um. Man muss abwägen; Menschen müssen Entscheidungen über ihr Leben auf der Basis von Informationen treffen, nicht auf der Grundlage von väterlichen Anweisungen, dieses zu tun und jenes zu unterlassen. Was passierte am 11. März in Tohoku, als das große Beben kam? In dem Gebiet, das der Tsunami überflutete, lebten 500.000 Menschen. 480.000 davon haben in den 30 bis 45 Minuten nach dem Beben das Gebiet verlassen und sich in Sicherheit gebracht. Japaner sind mit Erdbeben und Tsunamis vertraut und können entsprechend selbstverantwortlich handeln. Doch als das Kraftwerk Fukushima Strahlung freisetzte, fehlte ihnen das Wissen. Die Strahlung schädigte niemanden, doch selbst 15 Monate später treibt Angst die Menschen um.

Welt Online: Rechtfertigt Fukushima hierzulande den Ausstieg aus der Kernenergie?

Wade Allison: Absolut nicht. Bei fossilen Brennstoffen, da haben wir mit der Erwärmung ein globales Problem, auch wenn wir noch nicht alles darüber wissen. Wir wissen über Kernenergie mehr als über die globale Erwärmung. Bei der Kernenergie gibt es jedoch wenig, worüber man streiten müsste. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Der Mann auf der Straße hat entschieden, dass er diese nicht wissen möchte. Das ist gefährlich.

Welt Online: Welche Lehren können wir aus den Ereignissen von Fukushima ziehen?

Wade Allison: Viele Lehren, die die Sicherheit betreffen. Für den Ingenieur bedeutet das, wie kontrolliere ich einen Kernreaktor. Eine gänzlich andere Geschichte sind die Auswirkungen von Strahlung auf das menschliche Leben. In Fukushima stellt Strahlung kein Gesundheitsproblem dar. Aber die Angst vor Strahlung hat sehr schlimme Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Wir müssen deshalb viel mehr über Natur und Wirkung von Strahlung aufklären. Die meisten kennen Risiken und Nutzen eines Sonnenbades aus eigener Erfahrung. Sonnenlicht fördert die Produktion von Vitamin D und stärkt das Wohlbefinden. Zuviel Sonnenlicht, zu viel ionisierende UV-Strahlung, führt zu Hautschäden, die der Körper in wenigen Tagen repariert. Wiederholtes Zuviel an Sonne kann Jahre später zu Hautkrebs führen. Die meisten wissen das. Sie benutzen Schutzcreme und sind so vernünftig, in den ersten Urlaubstagen nicht zu lange in die Sonne zu gehen. Die Menschen haben gelernt, Risiko und Nutzen bei dieser Art von ionisierender Strahlung abzuwägen. Genau diese Haltung benötigt man auch, wenn es um andere Arten von ionisierender Strahlung geht. Die Gefährdung durch Kernstrahlung steht in einer Reihe mit anderen Gefahren für Leib und Leben. Wir leben in einer Welt voller Strahlung.

Welt Online: Haben Sie Japan nach dem Tsunami besucht?

Wade Allison: Ja, im Herbst 2011. Oberschullehrer aus Minamisooma, einer Stadt im Nordosten des evakuierten Gebiets, hatten mich eingeladen. Unter anderem arrangierten sie ein Treffen mit dem stellvertretenden Leiter des dortigen Krankenhauses. Er fuhr uns in einem Krankenwagen in das abgesperrte Gebiet. Wir sahen die Verwüstungen, die der Tsunami angerichtet hatte. Weiter entfernt von der Küste, sogar außerhalb des evakuierten Gebiets, sahen wir vernachlässigte Felder, geschlossene Geschäfte und Werkstätten, und verlassene Häuser. Angst, nicht Strahlung, ist dafür verantwortlich.

Welt Online: Hatten Sie Kontakt zu Behörden?

Wade Allison: Ich traf die Bürgermeister von Minamisooma und von Iitate. Iitate ist ein Dorf außerhalb des Sperrgebiets, wo die Strahlung über dem Normalwert liegt. Diese beiden wussten aus erster Hand, was es für alte Menschen, für die heimische Wirtschaft, für Schüler bedeutet, mit der Situation zurechtzukommen. Alte Menschen hatten Angst; Evakuierung kann für sie Tod bedeuten. Kleine Kinder leiden an Bettnässen, größere am Gefühl der Unsicherheit. Bei Erwachsenen sind es Depression und Alkoholismus, auch Selbstmord.

Welt Online: So war es auch in Tschernobyl?

Wade Allison: Ja, all das passierte auch in Tschernobyl. All das wurde in Berichten veröffentlicht. Niemand hat daraus gelernt.

Welt Online: Ihre Quintessenz ist also, dass die Nutzung der Kernenergie, selbst wenn vieles falsch läuft, im Grunde nicht gefährlicher ist als viele andere Technologien, die wir nutzen?

Wade Allison: Ja, genau. Wir sollten unsere Augen reiben und genau hinschauen. Ein schwerer Reaktorunfall setzt, wie der Bruch eines Staudamms, große Mengen an gespeicherter Energie frei. Aber selbst im schlimmsten vorstellbaren Fall – wie Tschernobyl – wird die Zahl der Opfer klein bleiben. Wir sollten nach Fukushima die Welt nicht auf den Kopf stellen. Es gibt größere Probleme: soziale, ökonomische, den Klimawandel, Ernährung und Wasserversorgung. Die Japaner sollten ihre Kernkraftwerke genauso wenig abschalten wie die Deutschen.

  1. #1 von Dr. Doornkaat am 14/06/2012 - 10:31

    Die Kommentare in der WELT sind lustig: Tja, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die lügen doch alle. Kommt mir bloß nicht mit Fakten zu Themen, über dich ich ’ne eigene Meinung habe. Rhabarber. Blah. Wahrscheinlich ist der Mann ein Nazi.

  2. #3 von Peter am 14/06/2012 - 12:21

    Es ist ja nicht nur der Betrieb ( könnte ich noch mit leben ) sondern hauptsächlich die Lagerung bzw. Entsorgung des Atommülls, was doch vollkommen ungelöst ist!!!

  3. #4 von Anita am 14/06/2012 - 21:16

    Lieber #3 Peter:
    Mag ja sein, aber so what? Spricht das für den ÜBERSTÜRZTEN Ausstieg jetzt? Müssen wir dann den in den letzten 50 Jahren angefallenen Müll etwa nicht mehr lagern, ist der – hokuspokus – dann auf einmal einfach verschwunden? Kommt es dann auf die im Verhältnis dazu geringen Mengen an, die bis zu dem vollkommen übereinstimmend geplanten Ausstieg ca. 2025 noch angefallen wären? Steht dieser eventuelle ganz geringfügige (einmal unterstellte) Gewinn an Sicherheit durch etwas weniger Müll in einem Verhältnis zu den Nachteilen und Schäden, die wir jetzt erleiden, durch klimaschädliche Energieerzeugung, voraussichtliche Energieausfälle, steigende Kosten (zu Lasten ansonsten möglicher sozialer und menschenrettender Hilfsprogramme etc.)?
    Übrigens: Wieviele Opfer hat es denn bislang durch die Atommüllagerung tatsächlich gegeben? Mir ist kein einziges bekannt. Aber selbst wenn: Sind das mehr als bei anderen Energieformen?

  4. #5 von kopf-tisch am 14/06/2012 - 21:48

    Wenn Herr Allison meint, das die verstrahlten Gebiete nur Panikmache der Linken sind und die Strahlung nur unerhebliche Auswirkungen auf die Bewohner hat, dann hat er jetzt die Chance, günstig an ein großzügiges Anwesen mit Meerblick zu kommen. Ich glaube Ihm erst, wenn er dort mit seiner Familie hinzieht, und seinen Salat im Garten anbaut.

    Herr Allision und seine Anhänger scheinen mir vom gleichen Schlag, wie kreuzberger linke die bunt predigen, aber die Kinder dann doch lieber beim türkenfreien Zweitwohnsitz in die Schule schicken.

    Bis dahin gehe ich davon aus, das die Folgen eines nuklearen Unfalls nicht gesund sind. Ich möchte jedenfalls nicht mit der Gefahr leben, das meine Heimat unbewohnbar wird. Und das wird sie, wie Tschernobyl und Fukushima sehr deutlich zeigen.

    Ich bitte darum, solche Befürchtungen ernst zu nehmen und nicht nur Argumente herauszupicken, die gerade gut passen. Es muss eben alles passen, wenn man jemanden überzeugen möchte. Also, wie stehts damit: Wohin mit dem Müll, Transport und Lagerkosten, Unfallgefahr und die resultierende Unbewohnbarkeit großer Gebiete.

  5. #6 von Westerwälder am 15/06/2012 - 14:44

    Lieber kopf-tisch,

    das Leben im allgemeinen ist voller Risiken. Besonders fatal – es endet garantiert mit dem Tod!

    Es ist für Leute wie Sie offensichtlich egal, wieviele Sachargumente, physikalische Gesetzmäßigkeiten oder auch nur gesunder Menschenverstand gegen die Angstideologie der Ökofaschisten ins Feld geführt wird, sie reagieren weiter irrational.
    Hiroshima ist heute eine blühende Metropole mit ca. 2,8 Mill. Einwohnern, mit der am besten untersuchten und dokumentierten Personengruppe der Welt. Hinsichtlich Gesundheitszustand, Lebenserwartung und Umweltfaktoren gibt es keine Unterschiede zu den Vergleichsgruppen mehr.

    Natürlich sind die Folgen eines nuklearen Unfalls „ungesund“, aber hauptsächlich im materiellen und finanziellen Bereich. Und garantiert im ideelllen. Aber stellen Sie sich mal einen Unfall bei der BASF in Ludwigshafen vor, dem größten Chemiekomplex der Welt. Da würden chemische Verbindungen entstehen, für die es noch nicht mal Namen gibt. Und was die anrichten können, möchte ich mir lieber nicht ausmalen. Noch extremer wäre das außer Kontrolle geraten einer Biogasanlage. Haben Sie Lust auf ein multiresistentes Superbakterium als Krankheitserreger? Die dadurch ausgelöste Pandemie würde Millionen Menschen und/oder Tiere dahinraffen, bevor man es wieder im Griff hätte. Da lob‘ ich mir eine solide kleine Kernschmelze…

    Und gerade weil ich solche wie von Ihnen gemeinten Befürchtungen ernst nehme, diskutiere ich genau dagegen an.

    Thema Müll: politisch von den Grünen seit Jahrzenhten blockiert. Die Forschung zur Wiederaufbereitung oder gar Verwertung (Transmutation) sind weit gediehen. Die nächste Reaktorengeneration ist in Vorbereitung (inhärent sicher, können weder schmelzen noch „explodieren“), eine ganze Gruppe von Kleinreaktoren existiert bereits. Die neuen Reaktortypen nutzen den heutigen „Müll“ als Brennstoff (immerhin sind die Brennstäbe ja noch zu 99,.. % energetisch gar nicht verbraucht). Dank Energiewende findet das alles ohne Deutschland statt, ein gigantischer Zukunftsmarkt.
    ThemaTransport: ist unproblematisch, es sei denn, grüne Idioten, Antifa und Berufsdemonstranten sorgen für das Gegenteil. Würden diese das nicht tun – sie hätten noch nie davon gehört, das es Castortransporte gibt. Und Lagerkosten – welche Kosten? Fragen Sie mal freundlich beim Verband der AKW-Betreiber an, wieviel Milliarden Rückstellungen dort gebildet wurden. Wahlweise gibt auch das Bundesumweltministerium oder Grün und Frieden die gleiche Auskunft. In Schweden und Spanien hat es in zwei Dörfern wochenlange Freudenfeiern gegeben, als sie den Zuschlag für die Endlagerung von radioaktiven Stoffen bekommen haben. Die beiden Kommunen haben jedenfalls in den nächsten Jahrhunderten keine Finanzprobleme mehr. Das dort nur suizidsüchtige Kernenergieliebhaber wohnen, können Sie ausschliessen.

    In der nie endend wollenden Hoffnung, Ihnen ein bißchen weitergeholfen zu haben

    freundlichst
    Westerwälder

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