Was wäre wenn …


In einer bösen Satire spekuliert Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen, wie die deutsche Öffentlichkeit auf einen iranischen Angriff auf Tel Aviv reagieren würde:

Donnerstag, 24. Mai 2013, 6.37 Uhr. Blitzmeldung der Deutschen Presse-Agentur: »Iranische Raketen vom Typ Shahab 3 haben soeben den Großraum Tel Aviv bombardiert. Unklar ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ob bei dem Angriff nukleare Sprengsätze zum Einsatz kamen.«

SELBST SCHULD Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 7.14 Uhr. Am Telefon Michael Lüders, Nahostexperte: »Letztlich hat sich Israel das selbst zuzuschreiben. Die Drohungen der Regierung Netanjahu haben den Iran in eine Angstpsychose versetzt. Teheran musste davon ausgehen, dass früher oder später Israel das Land und seine Bevölkerung vernichten würde. Juristisch könnte man von einer Art Putativnotwehr sprechen.«

WDR 2-Hörfunk, Morgenmagazin, 8.24 Uhr. »Liebe Hörerinnen und Hörer, wir wollten natürlich auch eine kritische Stimme aus Israel hören, den bekannten Journalisten und Friedensaktivisten Uri Avnery. Leider bekommen wir weder telefonisch noch per Internet Kontakt. Wir hoffen, dass wenigstens ihm nichts passiert ist.«

Phoenix-Sondersendung »Bomben auf Tel Aviv«, 9.36 Uhr. Zu Gast im Studio Bischöfin a.D. Margot Käßmann: »Das Allerwichtigste ist jetzt, Israel an alttestamentarischer Rache zu hindern. Sonst droht eine Eskalation der Gewalt, an deren Ende die ganze Welt in Flammen stehen könnte. Gerade wir Deutschen stehen aufgrund unserer Geschichte hier in der Pflicht.«

Süddeutsche Zeitung online, 10.47 Uhr: »Günter Grass hat angesichts der drohenden Kriegsgefahr im Nahen Osten ein neues Gedicht verfasst, das er der SZ, der New York Times, Le Monde, El Pais, La Repubblica, der Iswestija, der Peking Rundschau sowie 87 anderen führenden Zeitungen der Welt zum Abdruck zur Verfügung gestellt hat. Hier ein Auszug: ›Ich hab’s/ja gesagt/Aber keiner/wollte/auf mich hören./Jetzt habt Ihr den Salat./Ätsch!‹ (Mehr in unserer morgigen Druckausgabe).«

Meldung der Deutschen Presse-Agentur, 11.33 Uhr: »Sigmar Gabriel mahnt Israel zur Zurückhaltung.«

BEDROHUNGSSZENARIEN ZDF »Maybrit Illner spezial«, 12.30 Uhr: Zu Gast: Peter Scholl-Latour, Nahostexperte; Jakob Augstein, Herausgeber des »Freitag«; Michael Wolffsohn, Professor an der Bundeswehrhochschule München; Katajun Amirpur, deutsch-iranische Journalistin und Islamwissenschaftlerin. Wolffsohn: »Es war klar, dass das passieren würde. Ahmadinedschad hat immer wieder zur Vernichtung Israels aufgerufen.« Amirpur: »Hat er nicht. Das Zitat ist falsch übersetzt worden, wie ich in der Süddeutschen Zeitung vom 15. März 2008 nachgewiesen habe.« Wolffsohn: »Aber Iran hat Israel doch tatsächlich attackiert!« Amirpur: »Das tut überhaupt nichts zur Sache!« Augstein: »Nicht nur das Leben unschuldiger Iraner ist jetzt in Gefahr. Auch wir sind existenziell bedroht. Wenn Israel atomar zurückschlägt, könnte der nukleare Fallout Millionen Deutsche gefährden. Ist das am Ende die Rache für den Holocaust? Die Frage muss man stellen dürfen!« Scholl-Latour: »Was wir jetzt erleben, ist nichts wirklich Neues. Schon die Seldschuken haben während der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert …«

Eilmeldung der Deutschen Presse-Agentur, 13.21 Uhr: »Israel–Iran: Claudia Roth schlägt Heiner Geißler als Vermittler vor.«

Zeit online, 14.08 Uhr: »Die Grenzen der Selbstverteidigung« von Professor Christian Tomuschat, Humboldt-Universität Berlin, Mitglied der UN-Völkerrechtskommission: »Zwar gesteht die UN-Charta im Prinzip einem angegriffenen Staat – sogar Is- rael – das Recht zu, militärisch zu reagieren. In der juristischen Abwägung allerdings steht Israels subjektiv vielleicht verständlichem Wunsch nach Gegenschlag das eindeutig höherwertige Rechtsgut des Weltfriedens entgegen, das die Völkergemeinschaft jetzt gegen Israel durchsetzen muss.«

Meldung der Deutschen Presse-Agentur, 15.27 Uhr: »Am Rande der EU-Krisenberatung über das Frankreich-Hilfspaket hat Außenminister Westerwelle Israel und Iran aufgefordert, ihre Differenzen friedlich beizulegen. Westerwelle betonte dabei, dass Deutschland sich seiner besonderen Verantwortung für Israel bewusst sei. Er habe deshalb seinem israelischen Amtskollegen angeboten, eine begrenzte Zahl von Opfern des Bombardements in deutschen Kliniken kostenlos behandeln zu lassen.«

FRIEDENSDEMO taz online, 16.13 Uhr: »Das bundesweite Netzwerk Friedenskooperative will heute Abend in mehreren deutschen Städten Kundgebungen gegen einen möglichen israelischen Militärschlag veranstalten. Die Demonstrationen stehen unter dem Motto ›Kein Blut für Tel Aviv.‹ Hauptredner auf der zentralen Kundgebung in Berlin wird der Schriftsteller Roger Willemsen sein.«

Achse des Guten, 17.02 Uhr: Henryk M. Broder postet eine E-Mail der Volkshochschule Neheim-Hüsten, die einen geplanten Vortrag des Autors absagt: »In der jetzigen angespannten Situation möchten wir kein Öl ins Feuer der Weltpolitik gießen.«

ARD-Pressemitteilung, 18.14 Uhr: »Aus aktuellen Gründen sendet Das Erste heute Abend einen Brennpunkt zum Thema ›Krise in Nahost: Droht die Apokalypse?‹. Die 15-minütige Sendung wird unmittelbar im Anschluss an ›Das große Fest der Volksmusik‹ gegen 22 Uhr ausgestrahlt.«

ZDF »heute«, 19 Uhr, Sendelaufplan: »1. Live-Schalte nach Berlin zur Friedensdemo (3 Min. 30); 2. Live-Interview Westerwelle Brüssel (3 Min. 30); 3. Reportage: Iraner in Deutschland in Angst (3 Min. 30); 4. Bericht aus Tel Aviv (1 Min. 30); Trainerwechsel bei Schalke (2. Min. 30); Wetter.«

ARD Tagesschau, 20.08 Uhr. Sprecher Jens Riewa bekommt eine Meldung hereingereicht: »Meine Damen und Herren, vor wenigen Minuten hat die iranische Luftwaffe auch Haifa bombardiert. Das meldet soeben die französische Nachrichtenagentur AFP. Mehr dazu in unseren Tagesthemen um 22.30 Uhr. Zurück ins Inland: In Schleswig-Holstein ist ein Geflügelbauer wegen Tierquälerei verurteilt worden.«

Dienstag, 22. Mai 2012, 8 Uhr: Der Wecker klingelt, der Autor wacht auf und schwört sich, in Zukunft nie wieder vor dem Schlafengehen das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Man kriegt davon so seltsame Träume.

  1. #1 von Martin Schrödl am 29/05/2012 - 18:08

    Wie der gemeine Deutsche darauf reagieren würde? „Die armen Iraner. Ein Volk löscht sich selbst aus!“ Oder: „Da steckt bestimmt der Mossad dahinter!“ Oder: „Mist. So gut scheinen die Abwehrsysteme doch nicht zu sein.“

  2. #2 von Meiner Meinung am 29/05/2012 - 18:38

    Der „gemeine Deutsche“ sagt: „Das haben sich diese Zionisten selbst zuzuschreiben“. Und sollte es tatsächlich ein nuklearer Angriff gewesen sein: „Welche gesundheitlichen Auswirkungen bestehen beim Verzehr israelischer Datteln, die zur Zeit in deutschen Supermärkten verkauft werden“. Zumindest, wenn er überhaupt noch „zionistische“ Produkte kauft. Außerdem wird der Jod-Verbrauch steigen und die Nachfrage nach bombensicheren Kellermodifikationen steigen. Allgemein wird der „gemeine Deutsche“ ängstlich sein, alle Beteiligten zum Dialog auf gleicher Augenhöhe auffordern und anonsten weiterhin das Hauptaugenmerk auf den Sportteil der Bild-Zeitung richten. Traurig ist dabei, dass der seltsame Traum des Autors vermutlich nicht weitab von einer möglichen Realität ist….

  3. #3 von zweitesselbst am 29/05/2012 - 18:50

    Traurig ist, dass der Wahnsinn nach meinem Empfinden stetig zunimmt. Ich bin aber nur ein einfacher Sozialarbeiter.

  4. #4 von Tutnix am 29/05/2012 - 18:55

    Gibt´s gar keine Diskussion, als Ethikexportweltmeister müsste Deutschland einen sofortigen Waffenstillstand vor der UNO einfordern.

  5. #5 von Gast am 29/05/2012 - 19:52

    Leider ist das keine Satire – das ist die traurige Wahrheit.
    Spitze Michael Wuliger – weiter so !!!
    Bitte an alle Zeitungen schicken.

  6. #6 von Hans am 29/05/2012 - 20:32

    Der beissende jüdische Humor ist nicht umsonst weltberühmt – selbst wenn er wie hier eine sehr bittere Note hat.

  7. #7 von Nächstenliebe am 29/05/2012 - 21:17

    Nicht ganz vollständig: 😉

    Denn im heute-journal erläutert Nahost-Experte Jürgen Todenhöfer der sauertöpfisch-betroffenen Marietta Slomka, dass er in seinem Wahrsager-Buch „Warum tötest du Zaid?“ die Notwehr-Krise der Araber ggü. USA und Israel glaskugelte.
    Und Aiman Mazyek warnt im anschließenden Interview vor einer Stigmatisierung von friedliebenden Mohammedanern in Deutschland, welche natürlich äußestenfalls sehr wütend werden könnten, wenn sie beleidigt würden.

  8. #8 von Kruzifünferl am 29/05/2012 - 21:28

    eine nette Satire – aber ich vermisse fiktive Stellungnahmen von
    Kenan Kolat und Aiman A. Mazyek.

    Zufall oder Absicht?

  9. #9 von Kruzifünferl am 29/05/2012 - 21:34

    #7 von Nächstenliebe am 29/05/2012 – 21:17
    Und Aiman Mazyek warnt im anschließenden Interview vor einer Stigmatisierung von friedliebenden Mohammedanern in Deutschland, welche natürlich äußestenfalls sehr wütend werden könnten, wenn sie beleidigt würden.

    Du warst schneller, das Fehlen von Mazyek anzumerken – und hast sogar noch eine fiktive Stellungnahme hinzugefügt. Danke 😉

    … und wo bleibt Kolat mit „ich fordere, dass …“ ?? :mrgreen:

  10. #10 von stm am 29/05/2012 - 21:43

    #9 von Kruzifünferl am 29/05/2012 – 21:34

    … und wo bleibt Kolat mit “ich fordere, dass …“

    Der muß sicher erst den Obermuftikoten befragen, und bis sie ihre Strategie durchgefatwat haben, wurden sie von den Geschichten schon wieder drei mal überholt.

  11. #11 von Nächstenliebe am 29/05/2012 - 21:50

    Stimmt, Kruzifünferl, Kenan Kolat fehlt noch. 😎

    Er sollte bei der Gelegenheit einfordern, dass die Deutschen endlich einsehen, dass die Türkei sich seinerzeit in einer ähnlichen Situation ggü. dem aggressiven christlichen Armenien wie nun der Iran zu Israel befand, oder so ❗

  12. #12 von Kruzifünferl am 29/05/2012 - 22:10

    #11 von Nächstenliebe am 29/05/2012 – 21:50
    … Kenan Kolat … sollte bei der Gelegenheit einfordern, dass die Deutschen endlich einsehen, dass die Türkei sich seinerzeit in einer ähnlichen Situation ggü. dem aggressiven christlichen Armenien wie nun der Iran zu Israel befand …
    Treffer und versenkt! 😉

    Aber: es bleibt meine Frage, warum der Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen die beiden Herren auslässt.
    Auch hier offenbart sich der „blinde Fleck“, der auch beim ZdJ festszustellen ist:
    die Mohammedaner werden nicht als Feinde identifiziert & genannt.
    Mir gibt das zu denken.
    Wünschenswert wären Zuschriften an den ZdJ von Juden in Deutschland, die sich nicht vom ZdJ vertreten fühlen / die berechtigte Fragen haben …

  13. #13 von schweinsleber am 29/05/2012 - 22:27

    Das Verrückte daran ist, dass das Geschwafel der Journis und Experten sich genauso anhören würde.

    übrigens:

    „Hält Merkels „Räson“-Aussage für gewagt

    Mit seinem Abrücken von Angela Merkels Formel vom Existenzrecht Israels als Teil der deutschen Staatsräson begibt sich Gauck indes auf rutschiges Parkett. „Bestimmend“ für die deutsche Politik sei das Existenzrecht, relativiert er Merkels Definition.“

    http://www.welt.de/politik/ausland/article106389740/Gauck-rueckt-von-Merkels-Staatsraeson-Formel-ab.html#disqus_thread

    Macht sich da etwa die deutsche Regierung vom Acker?
    Und ist Gauck ein Museluboot?

  14. #14 von mike hammer am 29/05/2012 - 22:32

    einspruch
    das klingt FALSH!
    Scholl-Latour: »Was wir jetzt erleben, ist nichts wirklich Neues. Schon die Seldschuken haben während der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert …«
    so klingt SCHOLLY
    Scholl-Latour: »Was wir jetzt erleben, ist nichts wirklich Neues. Bei meinen frühen Reportagen in Kleinasien haben die Seldschuken während der Kreuzzüge, wie ich vorhersagte, im 11. Jahrhundert, gegen meinen Rat …«

  15. #15 von Nächstenliebe am 29/05/2012 - 22:38

    Kruzifünferl, der Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen ist doch zutreffender schwarzer Humor.
    Die Jüdische Allgemeine ist Sprachrohr des ZdJ, welcher wiederum kaum die Lobbyisten des ZdM Mazyek und Kolat anschießen wird. Man kennt sich, man braucht sich.

    Als in Dresden die Ägypterin von einem Russen getötet wurden, haben sich in Dresden Funktionäre von ZdM und ZdJ getroffen, um in einer gemeinsamen Erklärung von den ach so ausländerfeindlichen Deutschen dieses und jenes zu fordern, was natürlich brav umgesetzt wurde.

    Der ZdJ unter der dauerbetroffenen, kohlefordernden Charlotte Knobloch ist zum Glück Vergangenheit, aber diese Lobbyisten darf man nicht in einen Topf mit „den“ Israelis oder Juden werfen, wie auch Henryk M. Broder meint.

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