Shimon Stein im Interview

Während die meisten deutschen Medien den Besuch von Ministerpräsident Netanjahu bei Präsident Obama nutzen, um einmal mehr den Friedensnobelpreisträger als Opfer blutrünstiger jüdischer Lobbyisten hinzustellen, lässt das ZDF den früheren israelischen Botschafter Shimon Stein zu Wort kommen. Stein ist jetzt in einem Institut für strategische Fragen tätig. Fazit des Gesprächs: Deutschland und die EU spielen im wichtigsten Konflikt der Gegenwart keine Rolle mehr.

Stein im ZDF-Interview:

heute.de: Herr Stein, „keiner von uns kann es sich leisten, länger zu warten“, sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Washington. Wie wahrscheinlich ist ein israelischer Angriff auf Iran?

Shimon Stein: Alle Optionen sind auf dem Tisch, einschließlich der militärischen. Netanjahu meint damit, dass man nicht unendlich lange warten kann, ob Sanktionen und Diplomatie wirken. Ich bin nicht mit den militärischen Vorbereitungen vertraut, aber ich gehe davon aus, dass parallel zu diplomatischen Bemühungen und Sanktionen auch eine militärische Option vorbereitet wird. Der Iran verfolgt sehr genau, was sich abspielt und wird alles tun, um sein nuklerales Programm und Material, abzusichern. Der Zeitpunkt für Israel, militärisch einzugreifen, ist daher begrenzt. Insofern muss man ernst nehmen, was Netanjahu gesagt hat.

heute.de: Die USA sind kriegsmüde. Könnte Israel im Zweifel auch ohne seinen engsten Verbündeten angreifen?

Stein: Israel ist ein kleines Land mit einem großartigen Militär, dessen Leistungen in der Vergangenheit mit viel Kreativität bewiesen wurden. Auch wenn seine Fähigkeiten am Ende begrenzt sind, bedeutet das nicht, dass es nicht in der Lage ist, auch alleine etwas zu unternehmen. Die Dringlichkeit stellt sich aus der Sicht Israels und den USA unterschiedlich dar, weil die USA durch ihre Stärke auch noch zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden können, militärisch einzuschreiten. Israel müsste durch seine begrenzten Möglichkeiten zu einem früheren Zeitpunkt einschreiten, um Wirkung zu erzielen.

heute.de: Netanjahu zog angesicht der US-Zurückhaltung, Iran anzugreifen, eine Parallele zum ausbleibenden Bombardement von Auschwitz durch die Alliierten 1944. Was halten Sie von diesem Vergleich?

Stein: Ich habe große Schwierigkeiten mit historischen Parallelen. Aus strategischen Überlegungen war es zu dem Zeitpunkt damals nicht im Interesse der Alliierten, Auschwitz zu bombardieren. Das schuf am Ende kein großes Vertrauen des jüdischen Volkes darin, dass man ihm am Ende helfen würde. Daher hat Netanjahu mehrfach gesagt, wir sind am Ende Herr unserer Geschichte, bezogen auf die traumatischen Erlebnisse, die das jüdische Volk hinter sich hat. Netanjahus Botschaft war, dass es am Ende in der Verantwortung jedes israelischen Ministerpräsidenten liegt, alles zu tun, um Schaden von seinem Volk abzuwenden.

heute.de: Iran hat angekündigt, Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde Zugang zu seiner umstrittenen Militäranlage Parchin zu gewähren. Ist das nicht ein Anzeichen dafür, dass Iran um Entspannung bemüht ist?

Stein: Ich erinnere daran, dass drei UN-Resolutionen auf dem Tisch liegen und Iran bis heute nicht alle Fragen beantwortet hat. Iran muss alle Zweifel an der zivilien Nutzung der Atomenergie, von der er immer spricht, transparent ausräumen. Die iranische Diplomatie hat ganze Arbeit geleistet, denn sie haben bis heute alles getan, um das Atomprogramm keine einzige Minute einzustellen. Unter Druck gab es immer wieder die Bereitschaft zu verhandeln, aber am Ende kehrten sie zu ihrer Ausgangslage zurück. In der Zwischenzeit lief die Technologie weiter, sodass Iran heute fast in der Lage ist, nukleare Waffen herzustellen. Diese nicht genutzte Zeit spielt Netanjahu in die Hände und eines Tages muss eine Entscheidung getroffen werden, wann die Diplomatie gescheitert ist.

heute.de: Welche Rolle könnten Deutschland und die EU in diesem Konflikt spielen?

Stein: Es war nicht von Anfang an so, dass alle Mitglieder der EU begeistert über Sanktionen gesprochen haben, geschweige denn diese umgesetzt haben. Das ist eine Entwicklung der letzten paar Jahre. Für Iran ist es von großem Interesse, mit den USA ins Gespräch zu kommen. Die EU und Deutschland spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.