Aachener Antisemitismus

Die Ausfälle der grünen Aachener Bürgermeisterin Scheidt anlässlich der Ehrung Broders durch die deutsch-israelische Gesellschaft (QQ berichtete) lenken die Aufmerksamkeit auf ein Problem der Region, das Ortskundigen schon lange bekannt ist. In Aachen und Umgebung gibt es Antisemitismus, und der ist nicht nur auf Linke und GRÜNE beschränkt.

Der jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Aachen, Dr. Nathan Warszawski, wendet sich in einem Brief an alle Interessierten:

Liebe Freunde und Interessierte der Aachener Szene,

die Verfolgungsgeschichte der Juden in Europa und speziell in Deutschland beginnt nicht im Jahr 1933. Verfolgungen und Ermordungen der Juden ereigneten sich in unregelmäßigen Abständen während des Mittelalters zur Zeit der Kreuzzüge, davor und danach. Deutschland in der Zeit des Dritten Reiches fiel wegen seiner exzessiven Gewaltanwendung auf. Auch nach dem Untergang des Nazireiches verschwanden Pogrome nicht vom Antlitz Europas.

Nach Gründen zu fragen für Verfolgung und Ermordung ist müßig, da hieraus keine Rückschlüsse für Zukunft und Gegenwart gezogen und somit diese nicht verhindert werden können.

Die Frage, die hier interessiert, lautet: Warum kulminiert gerade in Aachen die antisemitische Stimmung?

Sie werden erschreckt fragen, wie ich auf den Gedanken komme, dass der Antisemitismus in Aachen virulent ist, virulenter als an anderen Orten. Welche Beweggründe veranlassen mich zu meiner Meinung?

Die verbale antisemitische Virulenz in Aachen habe ich erfahren, als ich die Artikel der Aachener Zeitung und die Meinungen darüber immer wieder las.

http://www.aachener-zeitung.de/artikel/1949941

Es gehr um den zitierten Satz einer Aachener Lokalpolitikerin, dessen Veröffentlichung sie nicht widersprach, den die Zeitung nicht zurückzog und über den sich kein bezahlter Offizieller erregte:

„So etwas können wir hier in Aachen wirklich nicht gebrauchen.“

Das „etwas“ bezeichnet den polnischen Juden Henryk M. Broder und den deutschen Juden Ralph Giordano.

Natürlich ist der Satz juristisch korrekt, denn das „etwas“ lässt sich auf die Reden der beiden Juden beziehen. Doch es geht nicht um Einleitung einer Strafverfolgung wegen rassistischer Hetze, sondern um den Jargon, in höheren gebildeten Kreisen „Ductus“ genannt, welcher fatal an folgende Sätze erinnert:

Juden können wir zu unserer Arbeit nicht brauchen.
Juden im Reich können wir nicht gebrauchen.
Juden sind hier nicht erwünscht!

Die Inhalte beider politischen Reden anlässlich der Ehrenpreisverleihung durch die Deutsch-Israelische Gesellschaft Aachen an Henryk M. Broder mögen einigen unangenehm klingen, sie bewegen sich tief in der demokratischen Redekultur, sind keineswegs extrem, gar extremistisch. Sie können nachgelesen werden unter:

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/print/0024551 (Broder)

und
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/print/0024547 (Giordano).

Interessant ist der Umstand, dass die Rede der offiziellen Laudatorin, Frau Vera Lengsfeld, von der Rüge ausgenommen worden ist, obwohl sie genauso brillant wie die von Broder und Giordano ist.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/print/0024539

Ich vermute, dass dies mit Lengsfelds mangelnder Religionszugehörigkeit zum Judentum und Mitgliedschaft einer etablierten Regierungspartei im Bund und in Aachen zusammenhängt.

Bisher hat keines der vielen effizienten Organe des deutschen Staats- und Verfassungsschutzes die Publikationen auf Broders Web-Seite gerügt, auch stehen beide Herren unter keiner Beobachtung staatlicher Organe. Das bedeutet natürlich nicht viel, da auch die Aachener Zeitung und die Aussprecherin des an unseligen Zeiten erinnernden Zitates meines Wissens ebenfalls und bisher keiner staatlichen Observation unterliegen.

Bevor ich mit der Beantwortung der eigentlichen Frage beginnen kann, muss ich klären, warum Antisemiten sich nicht freiwillig und gerne als Antisemiten bezeichnen lassen.
Manchem Leser wird die Beantwortung der Frage ein Leichtes erscheinen, ein scheinbar Leichtes.

Beschränken wir uns nicht auf Deutschland, so erkennen wird, dass Islamisten, Faschisten und manche Kapitalismuskritiker keine Probleme damit haben, sich als Antisemiten bezeichnen zu lassen. In der rechten Szene innerhalb Deutschland wird „Antisemit“ als eine Ehrenbezeichnung verstanden.

Vor mehr als 60 Jahren, nach dem verlorenen Krieg, wurde der Begriff „Antisemit“ zum Unwort, anschließend tabuisiert. Nicht alle Deutschen waren bis 1945 Antisemiten, nicht alle Deutschen waren nach 1945 Philosemiten. Die Antisemiten verdrängten, wollten nicht mehr Antisemiten genannt sein. Dies ist zumindest unter den Gebildeten bis heute so geblieben. Wer es nicht glauben möchte, möge Texte bestimmter Rapper lesen, die von der Jugend verehrt, von der Gesellschaft einen Bambi erhalten.

Diverse deutsche und internationale Wissenschaftler und Studien belegen, dass „Antizionismus“ mit „Antisemitismus“ identisch ist. Broder reißt den Antisemiten die schlecht sitzende Maske vom Gesicht ab, damit sie sich offen zum Antisemitismus bekennen. So wird die Auseinandersetzung mit ihnen erleichtert.

Somit haben wir in Deutschland derzeit den Zustand, dass sich der gebildete Antisemit mit allen Mitteln dagegen wehrt, als Antisemit bezeichnet zu werden. Auch „Antizionist“ erscheint vielen Antisemiten wegen oben Geschriebenen als derart anrüchig, dass sie es vorziehen, als Israel-Kritiker tituliert zu werden. Es wird verständlich, warum ein Jude gleichzeitig Antisemit sein kann.

Wegen der unklaren Rechtslage werde ich bestimmte Worte durch andere ersetzen.

Doch nun zur eigentlichen Frage, warum in Aachen der Antisemitismus virulent ist.

Es gibt verschiedene Organisationen in Aachen, die sich hervorragend mit Antisemitismus und Antizionismus beschäftigen. Manche scheinen in einem Netzwerk miteinander verbunden zu sein. Die wichtigsten Akteure sind:

Kameradschaft Aachener Land KAL,
Aachener Friedenspreis AFP,
Katholische Kirche Aachens,
pax christi Sektion Aachen,
Evangelische Gemeinschaft in Aachen,
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ Aachen,
Deutsch-Israelische Gesellschaft Aachen e.V. DIG,
Jüdische Gemeinde Aachen,
Islamische Gemeinde Aachen,
Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten.

Diese Konstellation und Konzentration in einer übersichtlich großen Stadt macht Aachen einzigartig.

KAL ist ein rechtsextremer, antisemitischer, antizionistischer, antidemokratischer, fremdenfeindlicher Verband, der von den Anderen gemieden wird. AFP versteht sich als lokales Gegengewicht zum europäischen Karlspreis. Er teilt einige Ideologien mit KAL, der Personenkreis überschneidet sich nicht. Zwischen AFP und KAL besteht keine ideologische Konkurrenzsituation, da die Mitglieder verschiedenen Schichten angehören, die nicht zusammenkommen. AFP ist in Aachen anerkannt, KAL in Aachen berüchtigt. AFP und KAL decken die große Palette des säkularen Antizionismus in Aachen ab.

Während der Großteil der KAL antisemitisch eingestellt ist, ist davon auszugehen, dass der Anteil der Israelkritiker im AFP dem der Normalbevölkerung entspricht, evt. ihn übersteigt. Verschiedene staatliche Schätzungen liefern Zahlen zwischen 10% und 25%.

Die Katholische Kirche Aachens bemüht sich um ein gutes Verhältnis zu Juden und hält sich mit antisemitischen Äußerungen bis aufs Höchste zurück. Anlässlich eines Besuch Israels, an dem auch der Bischoff von Aachen teilnahm, fiel die Bemerkung, dass Bethlehem dem Warschauer Ghetto gleiche, ohne dass sich die übrigen Reiseteilnehmer energisch davon distanzierten. Ansonsten ist die Kirche mit sich selber ausreichend beschäftigt. Die grobe Arbeit verrichtet die katholische Organisation pax christi, die auf arabisch mit dem Wort „Jihad“ gut wiedergegeben wird. Wie der säkulare AFP fällt die religiöse pax christi durch obsessive Beschäftigung mit dem Nahen Ost auf, wobei immer Israel schuld ist. Wissenschaftlich ist dieses Verhalten eindeutig kategorisiert.

Der Evangelischen Gemeinschaft in Aachen fehlt auf Grund ihres zarten Alters die Ruhe und Weisheit der katholischen Kirche. Das bevorstehende Lutherjahr wird bezüglich Israel und Juden zu internen Verwerfungen führen. Die Evangelische Gemeinschaft Aachens arbeitet gerne mit dem AFP zusammen, wenn es um die Darstellung einseitiger Israel kritischer Themen geht, die an die Substanz des Jüdischen Staates nagen, seine existentielle Basis unterspülen sollen. AFP und die Evangelische Gemeinschaft ergänzen sich hervorragend im säkularen und religiösen Aspekt des Antizionismus in Aachen.

Die GCJZ agiert als verlängerter Arm der evangelischen Gemeinschaft, als Transmissionsriemen in die Jüdische Gemeinschaft hinein. Hier wird sorgfältig zwischen gutem Judentum und schlechtem Zionismus differenziert. Gerne organisiert man Treffen zum Gedenken toter Juden. Die Jüdische Gemeinde beabsichtigt, die GCJZ wenn schon nicht zu liquidieren, so zu bändigen. Erfolglos. Der Einfluss der GCJZ auf Aachen ist geringer als der des AFP. GCJZ und AFP verfügen über keine institutionelle, nur über persönliche Kontakte.

Die DIG ist eine bekennende prozionistische-philosemitische Organisation. Von den zu anfangs aufgeführten Organisationen hat sie nur zur Jüdischen Gemeinde Aachen Verbindungen, die als gut bezeichnet werden dürfen. Trotz ihrer zahlreichen jüdischen Mitglieder ist sie nicht in der Jüdischen Gemeinde integriert.

Die Jüdische Gemeinde Aachen hat sich vom Holocaust bis heute personell und finanziell nicht erholt. Um zu existieren, ist sie auf Zuwendungen von außen angewiesen, die sie zur Vorsicht zwingt. Die jüdischen Mitglieder bilden keinen monolithischen Block, die große Mehrheit unterstützt Israel. Die meisten Juden haben begriffen, dass ihre freie, sorglose, kaum Einschränkungen unterworfene Lebensart von der Existenz Israels und der Demokratie Deutschlands abhängt.

Die Islamische Gemeinde Aachen ist weder antisemitisch, noch gibt sie sich antizionistisch. Personell und religiös bestehen gute Kontakte zur Jüdischen Gemeinde. Zum AFP und zur GCJZ verhält sie sich neutral, obwohl diese beiden Organisationen wegen ihrer kritischen Distanz zu Israel und zur KAL der Islamischen Gemeinde entgegenzukommen scheinen. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Islamische Gemeinde sich den Ansichten von AFP und GCJZ annähern wird, wenn sie weiterhin konsequent für die Rechte und Interessen ihrer Mitglieder eintritt.

Die flächendeckenden Zeitungen Aachens propagieren die Meinung derer, die sie kaufen, genauer: die angenommene Meinung derer, die sie kaufen.

Dieses ungesunde und widersprüchliche Gemisch, garniert mit zurückgehaltenen Meinungen explodiert, sobald ein außenstehender Nichtversteher eine zündende Idee hineinwirft. Aachen könnte eine Katharsis erfahren, wenn genügend Wagemutige sich finden. Wenn nicht, wird der unterschwellige gedeckelte Druck derart zunehmen, dass ein schwacher ehrlicher Gedanke genügt, das Lügengebäude zum Einsturz zu zwingen. Mit Konsequenzen, die wir nicht kennen. Danach wird es besser.

Deshalb sollen wir unsere schwachen Kräfte nicht verzetteln und nach Rücktritt der Schuldigen und Verantwortlichen schreien. Wenn sie jetzt abtreten würden, folgen ihnen sofort andere, die die Intrige besser beherrschen.

Ein gutes Neues Jahr
wünscht

Dr. Nathan Warszawski
Bisheriger Jüdischer Vorsitzender der GCJZ Aachen

  1. #1 von GrundGesetzWatch am 31/12/2011 - 17:41

    Alle Achtung Herr Warszawski. Nach diesem Brief wird eine mediale Hetzjagd auf sie eröffnet, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Bleiben sie bitte weiterhin standhaft und sagen die unverblümte Wahrheit. Ihnen noch einen Guten Rutsch in das neue Jahr und alles Erdenklich Gute.