Guttenberg und Breivik für verrückt erklärt

Die Wissenschaft überrascht uns Laien heute mit zwei erstaunlichen Diagnosen. Amokläufer Breivik soll laut STERN an einer paranoid-schizophrenen Psychose leiden und nicht schuldfähig sein. Das hat den Vorteil, dass man ihn ohne zeitliche Begrenzung für immer wegschließen kann und sich auch nicht mehr so sehr vor seinen Aussagen vor Gericht fürchten muss. Ein Geisteskranker eben – und zwar rekordverdächtig. Schizophrenie verläuft in Schüben, und mit den 13 Jahren Planungszeit für seine Attentate dürfte Breivik damit den längsten Schub der Medizingeschichte gehabt haben. Ebenfalls im STERN veröffentlicht Professor Hans Jürgen Wirth ein psychoanalytisches Gutachten über Freiherr von Guttenberg. Das Erstaunliche: Der Professor ist tatsächlich und allen Ernstes Psychoanalytiker, verletzt mit seinem öffentlichen Gutachten ohne persönlichen Kontakt mit dem „Patienten“, von Einverständnis ganz zu schweigen, so ziemlich alle fachlichen Regeln seines an Vorschriften nicht armen Faches, das er weit ins Feld der Scharlatanerie öffnet – und müsste nach normalen Maßstäben jetzt direkt seine Approbation abgeben.

Während der eine, Breivik, alle seine Drohungen bereits wahr gemacht hat, beunruhigt den STERN wohl vor allem, was Guttenberg erst ankündigt. Der einstmals beliebteste Politiker Deutschlands und aussichtsreichste Kanzlerkandidat der Union, denkt laut über die Gründung einer neuen Partei der Mitte nach. In seinem gerade erschienenen Buch, so raunt es in der Presse, soll er gar Thilo Sarrazin gelobt haben. Die Nassauische Presse schreibt:

Keine Frage, mit dem heute erscheinenden Interview-Buch „Vorerst gescheitert“ bereitet ein gefallener Politiker seine Rückkehr vor. Ob in die Mitte der CSU oder als Spiritus Rector einer neu zu gründenden Partei der Mitte – Karl-Theodor zu Guttenberg lässt sich alle Möglichkeiten offen.

Doch die Tatsache, dass er seine alten Parteifreunde von der CSU angreift, was diese überhaupt nicht amüsiert hat, scheint darauf hinzudeuten, dass die zweite Option für „KT“ derzeit die deutlich attraktivere sein könnte. In jedem Fall geht es in dem Buch, in dem Guttenberg von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo interviewt wird, in einer langen Passage darum, was eine neue Partei der Mitte zu tun hätte. Guttenberg entwirft fast ein freilich sehr allgemein gehaltenes Parteiprogramm.

Welches Themenfeld würde eine neue Partei besetzen, die sich dauerhaft in der Mitte ansiedeln will?

KARL-THEODOR ZU GUTTENBERG: Sie muss die Bereitschaft zeigen, die neuen Probleme zunächst einmal wahrzunehmen, statt alles sofort einer ideologischen Denkrichtung zuzuordnen. Beim Klimaschutz oder dem demographischen Wandel geht es nicht um Ideologie, sondern um eine Bestandsaufnahme und Fakten. Und die führen dann zu ziemlich bitteren Erkenntnissen, die nach heutiger Lesart nicht wahlkampftauglich sind. Aber sie könnten wahlkampftauglich sein.

Was müsste einer Kraft der Mitte zum Thema Integration einfallen?

Nicht in Blaupausen zu denken, weil sie als solche nicht tragfähig sind. Dann würde ihr einfallen, dass weder Berlin-Neukölln noch der oberfränkische ländliche Raum allein maßgeblich sein können für eine stimmige deutsche Integrationspolitik. Wahrscheinlich müsste man hier auch mittlerweile mit einem sehr viel weiteren, europäischen Gedanken ansetzen. Ich glaube, dass man einen sehr gesunden Patriotismus mit einem ausgesprochen europäischen Ansatz verbinden kann, auch mit Blick auf die Integration. Man wird sich auch hier mit den Realitäten auseinandersetzen müssen und darf sich jedenfalls nicht reflexartig abschotten.

Guttenberg betont, dass eine Partei der Mitte sich vor rechten Spinnern abschirmen könnte, indem sie zum Beispiel ein klares Bekenntnis zu Israel ablegen müsste. Auch die Rückkehr zur D-Mark will er nicht. Er bekennt sich zu einem starken Europa. Guttenberg deutet an, dass es bis zur Bundestagswahl 2013 zu knapp für eine Parteigründung werden könnte, schließt aber auch nicht aus, dass es möglich wäre.

Eine neue Partei von Guttenberg – vielleicht mit Henkel und Sarrazin? Darüber sollte man nicht zu laut nachdenken. Sonst werden wir auch noch für verrückt erklärt.

  1. #1 von aktivposten am 30/11/2011 - 09:36

    Nee, der Gutti ist mir zu EU-freundlich. So lange eine Neugründung „Mitte-Rechts“ nicht EU/ro-kritisch ist, bekommt sie meine Stimme nicht. Die EU muß endlich als das bezeichnet werden, was sie ist, nämlich das Problem. Mehr EU verschlimmert die Lage nur.

    Hankel, Henkel, Spethmann, Nölling, die könnten den Mittelstand hinter sich bringen, und mit dem wird am Ende die Wahl gewonnen.

  2. #2 von stm am 30/11/2011 - 09:45

    #1 von aktivposten am 30/11/2011 – 09:36

    Zustimmung. Guttenberg ist genau so ein Schaumschläger wie die meisten anderen Politiker auch. Seinen Untergang hatte er nur der eigenen Inkonsequenz zu verdanken. Keine Eier — untauglich etwas zu verändern.

  3. #3 von Saejerlaenner am 30/11/2011 - 12:45

    Was den Guttenberg angeht, würde ich sagen, wenn er Eier in der Hose gehabt hätte, dann hätte er seinen Betrug zugegeben und wäre zurückgetreten, wie es sich gehört. Aber erst alles abzustreiten und dann scheibchenweise zuzugeben, was er sowieso nicht mehr abstreiten konnte, ist irgendwo ziemlich erbärmlich.

    Was den Breivik angeht: Ich bin kein Psychiater und selbst wenn ich einer wäre, würde ich mich mit Ferndiagnosen zurückhalten. Aber eins steht für mich fest: Wer sich als Polizist verkleidet und dann hergeht und dutzendweise wehrlose Jugendliche erschießt, der kann nicht ganz gesund im Kopf sein. Abgesehen davon, selbst im Krieg wäre so eine Aktion als übles Verbrechen bewertet worden.

  4. #4 von Catherine am 30/11/2011 - 17:00

    Noch ein deutscher Fern-Gutachter, der einen Tag nach der Festnahme seines Patienten den Tod imhttp://ratschundtratsch.de/koenig-ludwig-II/index.php?title=Bernhard_von_Gudden

    Tod eines anderen Ferngutachters in Deutschland….

    Im Juni 1886 beauftragte der damalige Bayerische Ministerpräsident Freiherr von Lutz Dr. von Gudden, ein Gutachten über den Geisteszustand König Ludwigs II. zu erstellen.
    Dieses Gutachten ist heute nicht unumstritten, da es sich hierbei um ein reines Ferngutachten handelt. Zusammen mit den Kollegen Friedrich Wilhelm Hagen, seinem Schwiegersohn Hubert von Grashey undMax Hubrich erklärte er in diesem Gutachten den König aufgrund von Zeugenaussagen und ohne persönliche Untersuchung für „seelengestört“ und „unheilbar“.
    Damit war die Regentschaft eingetreten und Ludwigs Onkel Luitpold übernahm unverzüglich die Regierungsgeschäfte.

    Am 12. Juni 1886 wurde der entmündigte König von einer Fang-Kommission, der u.a. Dr. von Gudden und dessen Assistenzarzt Franz Karl Müller angehörte, von Neuschwanstein nach Schloss Berg am Starnberger See gebracht und dort regelrecht interniert. Von Guddens Schwiegersohn Hubert von Grashey soll nach persönlicher Inaugenscheinahme von der angebliche Geisteskrankheit des königlichen Patienten gar nicht so recht übezeugt gewesen sein – wurde aber von seinem Schwiegervater diesbezüglich heftig abgefertigt. Bereits einen Tag später kam Dr. von Gudden zusammen mit dem König bei einem Abendspaziergang am See ums Leben. Die Leichen der beiden fand man erst in der selben Nacht im Starnberger See.

    Die offizielle Version, nämlich, dass der angeblich wahnsinnige König erst seinen Arzt und dann sich selbst ermordet haben soll, kann immerhin angezweifelt werden. Immerhin blieb von Guddens Uhr über eine Stunde nach der des Königs durch ins Gehäuse eindringendes Wasser stehen, bei den damaligen Uhren ein eindeutiges Indiz, dass von Gudden erst lange nach dem König ins Wasser geriet. Die Umstände, die zum Tod der beiden führten, sind nach wie vor ungeklärt.
    Bernhard von Gudden war einst im Zeichen des Schwanenritters geboren worden, und er starb an der Seite des Mannes, der sich selbst gerne als Schwanenritter gesehen hat.

    Dr. von Gudden fand seine letzte Ruhestätte auf dem Münchner Ostfriedhof, sein Grab besteht dort noch heute (2008).
    Starnberger See bei Schloß Berg fand, so wie sein „Patient“ Ludwig II.

  5. #5 von Fred am 30/11/2011 - 20:12

    Offenkundig hat man Angst, dass sich B. durch seine Taten bei vielen nicht genug disqualifiziert hat und will ihn deshalb jetzt zum irren machen, damit sich tatsächlich niemand mit seinen Ansichten auseinandersetzt. Ich werde zunehmend neugierig auf sein Manifest… 😦

  6. #6 von fritz am 30/11/2011 - 22:41

    Ein Arabischer Psychoanalytiker sagte einmal im TV die gesamte Arabische Gesellschaft ist Psychisch Krank.

  7. #7 von Paramantus am 01/12/2011 - 11:13

    Es ist ein Segen, dass Guttenberg wieder in die Öffentlichkeit getreten ist. Ein Segen für alle Satiriker, Kabarettisten und Karrikaturisten! Auch wir von Paramantus atmen erleichert auf… http://www.paramantus.net/?p=5312 🙂

  1. Neue Partei? Henkel übt schon distanzieren « quotenqueen