Gemäßigte Ungemäßigte

Demokratie und Islam wollen einfach nicht zusammen kommen. Das zeigt aktuell die Entwicklung in Nordafrika, die von Unkundigen auch arabischer Frühling genannt wird. Denn kaum werden die bisherigen, halbwegs säkularen Diktaturen gelockert und den Völkern die Gelegenheit zu freien Wahlen gegeben, entscheiden sie sich für die schlimmere Knechtschaft unter der grausamen Scharia. Das fällt unseren Qualitätsjournalisten schwer einzugestehen, denn es widerspricht ganz und gar der marxistischen Theorie, derzufolge die Geschichte der Menschheit eine Befreiung im Einklang mit der Entwicklung der Produktionsverhältnisse sein soll.

Um die Theorie zu retten, nach der der Mensch von der Ökonomie gelenkt ist und insbesondere Diktaturen und Kriege stets gegen deren Willen den  imaginierten Völkern von einer herrschenden Ausbeuterklasse aufgezwungen werden, muss die Realität zur Zeit kräftig frisiert werden. Hat man schon mühsam die von den Betroffenen selber strikt abgelehnte Unterscheidung von Islam und Islamismus konstruiert, um den Islam von seinen schwerwiegenden Folgen zu exkulpieren wie einst den Marxismus vom Ostblock, so muss man sich jetzt weiter im Differenzieren üben, um die Wahrheit nicht aussprechen zu müssen. Denn nach bisheriger Sprachregelung sind die Wahlgewinner in Tunesien und Marokko ebenso wie die wichtigsten politischen Kräfte in Libyen und Ägypten der Definition nach genau jene Islamisten, vor denen die Experten immer gewarnt haben.

Und so muss man nun, wie schon so erfolgreich bei den afghanischen Taliban praktiziert, bei den Ungemäßigten, den Islamisten, zwischen gemäßigten und ungemäßigten Ungemäßigten unterscheiden. Wie das in Praxis aussieht, führt die Rheinische Post vor, die selber in der deutschen Presselandschaft noch zu den gemäßigten Islamverharmlosern zu zählen ist:

Nach Tunesien steht auch Marokko vor einer Regierung unter Führung gemäßigter Islamisten: Bei der Parlamentswahl setzte sich die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) als voraussichtlich stärkste Kraft durch, wie das Innenministerium in Rabat am Samstag bekannt gab.

Der Generalsekretär der PJD Abdelilah Benkirane jubelt über den Wahlsieg seiner Partei. Foto: afp, ABDELHAK SENNA
Die PJD könne 80 der bisher entschiedenen 282 Sitze beanspruchen, teilte das Ministerium mit. Auf Platz zwei folgte mit deutlichem Abstand die Partei Istiqlal mit 45 Sitzen. Insgesamt waren bei der Wahl zum Unterhaus 395 Mandate zu vergeben. Die Partei mit den meisten Sitzen wird der neuen Verfassung zufolge mit der Regierungsbildung betraut.

Als schärfste Konkurrenz für die PJD galt eine Allianz aus acht liberalen, regierungsnahen Parteien unter Führung von Finanzminister Salaheddine Mezouar. Sie konnte sich den ersten Ergebnissen zufolge gemeinsam zwar mindestens 110 Sitze sichern, keine Partei alleine kann allerdings der PJD als stärksten Kraft gefährlich werden und damit die Regierungsbildung für sich beanspruchen.

Die Beteiligung bei der Wahl vom Freitag lag den offiziellen Angaben zufolge bei 45 Prozent, etwas höher als bei der Wahl 2007. Die Abstimmung war angesichts der prodemokratischen Proteste in vielen arabischen Ländern um ein Jahr vorgezogen worden.

Die geringe Wahlbeteiligung, die an deutsche Verhältnisse erinnert, kommt wohl dadurch zustande, dass es tatsächlich noch reaktionärere Mohammedaner in Marokko gibt. Diese hatten zum Boykott der als unislamisch – weil eben demokratischen – Wahl aufgerufen. 55 Prozent der freiheitsliebenden Marokkaner waren offenbar derselben Meinung.

  1. #1 von Kulturopfer am 28/11/2011 - 12:18

    Ach ja, die gemäßigten Islamisten sind ja die friedlichen Islamisten. Dann ist das ja alles nicht so schlimm. Vielleicht sollten wir alle mal umschalten nach dem Motto: Am islamistischen Wesen, soll die Welt genesen. Würde vielleicht den Leuten im frühlingshaften Teil Afrikas und den Lohnschmierfinken in der deutschen Medienlandschaft gut gefallen.

  2. #2 von Marion Poppers am 28/11/2011 - 14:40

    Entschuldigung: Was sind bitte „gemäßigte Islamisten“? Steinigen die Frauen mit Kieselsteinen, hacken sie nur die Finger und nicht die ganze Hand ab? Ach nein, jetzt fällt es mir wieder ein (sah es bei einer Befragung im TV): Sie wollen eine Demokratie unter der Scharia! Alles klar!

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