Friedenspreisträger Sansal über den Islam

Der diesjährige Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, vertritt eine sehr kritische Einstellung zu Islam und Islamismus und betrachtet den gefeierten „arabischen Frühling“ mit der Skepsis, die alle Kenner der islamischen Welt auszeichnet. Mit der Verleihung des Preises hat die Islamkritik in Deutschland eine weitere gewichtige Stimme gewonnen.

Die NZZ führte ein Interview mit dem in Algerien lebenden Intellektuellen, aus dem wir die den Islam betreffenden Zitate entnehmen:

Der Islamismus ist für mich das ultimative Böse. Die Islamisten geben vor, im Namen Gottes zu sprechen, aber tatsächlich hört man Satan. Aber viele Menschen glauben, sich durch den Islamismus befreien zu können. Wenn diese Menschen Bücher lesen, erfahren sie, wie ein anderes Leben aussehen könnte, und vielleicht hilft ihnen das, die Möglichkeit zu einer echten Befreiung zu finden. Eine muslimische Frau in einem muslimischen Land, wo sie keinerlei Rechte hat, kann sich nicht befreien. Weil sie Angst hat und weil sie selbst an diese Dinge glaubt. Aber wenn sie von freien Frauen liest, findet sie das möglicherweise grossartig, und das könnte als Impuls wirken. Nicht nur Autoren, alle Menschen können auf diese Weise helfen, sie können anderen ein Beispiel geben. (…)

Der arabische Frühling hat noch gar nicht begonnen. Das wahre Gefängnis ist nicht die Diktatur. Die Diktatur ist nur die erste Mauer, aber dahinter befindet sich das echte Gefängnis, sozusagen der Hochsicherheitstrakt, das sind die Kultur und die Frage des Islam. Diese Probleme wurden noch nicht angegangen, und darum sage ich, der arabische Frühling hat noch nicht wirklich begonnen. In Tunesien gibt es vielleicht einen kleinen Anfang, aber nicht mehr. In Ägypten bewegt sich noch gar nichts, die Frage des Islamismus ist ungelöst, ebenso die Frage der Kopten. Im Land leben 15 Millionen Christen, aber laut der Verfassung ist der Islam Staatsreligion. Was ist also mit diesen 15 Millionen? Sind sie keine Bürger? Es wird interessant, wenn in Libyen oder Tunesien oder Ägypten gewählt wird. Wenn die Islamisten gewinnen, werden sie wieder eine Diktatur errichten, sei es eine sanfte Diktatur wie in der Türkei, sei es eine Diktatur wie in Iran. Wenn die Demokraten gewinnen, gibt es mehrere Möglichkeiten. In Ägypten könnten sie dank der Armee gewinnen. Das ist dann aber keine echte Demokratie, man wird Demokraten beobachten, die in die Kasernen gehen, um ihre Anweisungen zu erhalten. Das wäre eine vielleicht intelligente Militärdiktatur. In Libyen drohen ein Bürgerkrieg und die Teilung des Landes. Die Regionen im Süden und Osten sind kulturell nicht reif für die Demokratie, vielleicht sind es die urbanen Regionen um Tripolis. In Algerien ist es ähnlich, einige Regionen sind reif für die Demokratie, andere nicht. (…)

Die Islamisten haben durch Betrug gewonnen, sie haben die Menschen bedroht. Im ersten Wahldurchgang erreichten sie die absolute Mehrheit. Am gleichen Abend haben sie begonnen, in den Moscheen Listen zu erstellen, und sie sagten: «Der und der muss Algerien verlassen, sonst wird er getötet.» Millionen von Algeriern verkauften ihre Wohnungen für ein paar Euro und gingen nach Frankreich oder Kanada. Wir, die geblieben waren, zogen vor das Verteidigungsministerium und forderten die Armee zum Handeln auf, aber das Militär orientierte sich nach Europa, und man sagte uns, die Islamisten hätten eben gewonnen. Ich sage, das ist Verrat. Man beschwört immer die Menschenrechte, die Demokratie in Europa, aber wenn es um Nordafrika geht, schaut man weg. Ein Recht ist ein Recht, und es muss für alle gelten. (…)

Unüberhörbar ist immer wieder die Kritik des Preisträgers an den europäischen Intellektuellen. Sie schauen weg, sie wollen von den Problemen der arabischen Revolutionen mit dem Islam nichts hören. Indem sie zu feige sind, den Islam zu kritisieren, verraten sie die Unterdrückten, allen voran die Frauen in den islamischen Ländern, denen sie gerade das falsche Beispiel geben. Europäische Intellektuelle unterwerfen sich ohne Not den Sprech-, Kritik- und Denkverboten des Islam. Alle, die Mut zum kritischen Diskurs zeigen, werden von den Protagonisten des Untertanengeistes dagegen mit dem grotesken Vorwurf des Rechtsextremismus verleumdet.