„Atom“ausstieg scheitert im Stresstest

Zwar hat der erwiesene Experte Jürgen Trittin den selbsternannten Ingenieuren der Energiewirtschaft widersprochen, es könne durch den „Atom“ausstieg zu Stromausfällen kommen, denn er weiß genau, dass der Steckdosenpfand für alle reicht (wir berichteten) – aber man kann ja mal rein hypothetisch durchrechnen, was wäre wenn. Bei Bahnhöfen nennt man das bekanntlich einen Stresstest, und wenn der bestanden wird, wird er wiederholt, bis der Bahnhof nicht gebaut werden darf. Für den unumkehrbaren Ausstieg aus der Grundlage unserer Energieversorgung gelten weniger harte Bedingungen.

Um nicht mit Trittin aneinander zu geraten, kann man ja andere Szenarien zugrunde legen und die von Fachleuten als naheliegenste Ursache angenommene durch „Terroranschläge (zur Zeit sehr beliebt), Großunfälle (gibt es die auch noch ohne „Atom“?) und Naturkatastrophen (Spree-Tsunamis in Berlin)“ ersetzen. Das Ergebnis: Die Hauptstadt ist nicht gut gerüstet. Besonders in Problemkiezen, die durch „Siedlungsdichte, Zahl alter Menschen, Kriminalitätsschwerpunkte“ ausgezeichnet sind, könnte es zu Sicherheitsproblemen kommen, wenn der Strom länger wegbleibt.

Die Morgenpost berichtet:

Die Hauptstadt ist nach Ergebnissen einer aktuellen Studie für einen längeren Stromausfall schlecht gewappnet. Selbst zentrale Einrichtungen wie Polizei, Feuerwehr oder Krankenhäuser können demnach lediglich für zwei Tage durch Notstrom ihren Aufgaben voll nachkommen. „In der Regel reichen die Kapazitäten beziehungsweise Tankreserven für einen Betrieb zwischen drei Stunden bis maximal 24 Stunden in Krankenhäusern“, heißt es in der Darstellung des Forschungsprojektes.

72 Stunden Notbetrieb mit Strom aus mobilen Aggregaten hält das Bundesforschungsministerium nach derzeitigem Stand des Wissens bereits für einen Ausnahmefall. Normalerweise kann nach Angaben der Verwaltung von maximal 24 Stunden Funktionsfähigkeit in zentralen Einrichtungen ausgegangen werden. Danach droht der Ausfall auch von Krankenhäusern und Einsatzkräften.

Initiiert wurde das Programm mit dem Titel „TankNotStrom“ vom Bundesforschungsministerium, um Risiken wie Terroranschlägen, Großunfällen oder Naturkatastrophen wirkungsvoll begegnen zu können. Der Treibstoffversorgung kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Auch mobile Notstromaggregate, wie sie das Technische Hilfswerk (THW) vorhält, sind vom Spritnachschub abhängig. Dieser allerdings stammt aus Zapfsäulen der Energieunternehmen, die ohne Stromversorgung nicht funktionieren. „Der Kraftstoff bleibt einfach in den Tanks“, heißt es im Projektszenario. Und: „Selbst die Polizei, die Feuerwehr und das THW sind auf die Kraftstoffversorgung durch öffentliche Tankstellen angewiesen.“

Dramatische Auswirkungen hätte ein solcher Totalausfall nach Ansicht von Birgitta Sticher, Professorin im Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HTW), auch für die psychologische Lage in der Stadt. „Wir verlassen uns darauf, dass der Staat für Krisenfälle vorgesorgt hat“, sagt die Psychologin, die sich im Rahmen des Projektes mit Fragen des Sicherheitsmanagements befasst. Werde diese Erwartung enttäuscht, steige gerade in Problemkiezen, wo soziale Strukturen ohnehin defizitär sind, das Risiko von Kriminalität und Übergriffen.

„Die Menschen dort werden schnell ungeduldig, sie fühlen sich ungerecht behandelt“, so Sticher. Das Krisenkonzept der HTW für den Katastrophenschutz sieht deshalb vor, Berlin unter sozial- und infrastrukturellen Aspekten – wie etwas Siedlungsdichte, Zahl alter Menschen, Kriminalitätsschwerpunkte und ähnliches mehr – kleinräumig einzuteilen. Je nach Sozialstruktur sollten Anlaufstellen definiert werden, die den Menschen im Krisenfall unabhängig von Radio, Fernsehen und Internet Hilfe und Information bieten.

Großes Kompliment an alle Beteiligten, das heikle Thema abzuhandeln, ohne volksverhetzende Begriffe wie „Atom“ausstieg, südländische Jugendliche oder Neukölln zu benutzen. Und eines können wir garantieren: Alten Menschen, Kranken und Rentnern, wird im Fall der Fälle sicher nicht bevorzugt, sondern zu allerletzt geholfen werden. So gut kennen wir Deutschland inzwischen.