Psychiater: Islamkritik ist kein Tatmotiv

In den meisten Zeitungen und Fernsehsendern versuchen zur Zeit selbsternannte Experten und sogar einige Politiker, mit kruden Verschwörungstheorien politisches Kapital aus der Tragödie in Norwegen zu ziehen. Offensichtlich will man die Gunst der traurigen Stunde nutzen, um endlich ein pauschales Verbot von Islamkritik ins Gesetzbuch zu schreiben. Es macht sprachlos, mit welcher Dreistigkeit viele, die es besser wissen müssen, jetzt die gefährlich falsche Behauptung verbreiten, das Lesen islamkritischer Blogs könne einen ganz normalen Bürger in einen Massenmörder verwandeln.

Und dies, obwohl der Täter mit einem Wortreichtum, wie man ihn seit den Morden der RAF nicht mehr erlebt hat, die für ihn offenbar schlüssige Logik seiner Taten auf 1500 Seiten darlegt. Unter Anderem auch, dass der Einstieg in die Radikalisierung bereits Ende der 90er Jahre erfolgte, als Reaktion auf den Kosovokrieg, den er als „Verrat des Westens am christlichen Serbien“ erlebte. Das war, wohlgemerkt, sechs bis sieben Jahre, bevor ein Blog wie PI-News als kleiner Blog mit wenigen Lesern das Licht der Welt erblickte. Damals, 2005, befand der Täter sich bereits in der aktiven Vorbereitungsphase der Anschläge, die neun Jahre dauerte und minutiös dokumentiert wurde. In dieser Zeit absurder Verleumdungen tut es gut, wenigstens hier und da die besonnene Stimme der Vernunft zu vernehmen, die in den letzten Tagen überwiegend aus der WELT ertönte.

Das Blatt lässt nach Broder  nun einen weiteren Fachmann zu Wort kommen, der sich auf tatsächliche Expertise stützen kann, und dem gefährlichen Unsinn von den „Worten, die zu Waffen werden“ aus fachlicher Qualifikation deutlich widerspricht. In der WELT schreibt der Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Josef Ludin:

Nach der Tragödie in Norwegen, scheint es eine ausgemachte Sache zu sein, dass Islamgegner oder fanatische Islamgegner oder aber krankhafte Islamgegner eine Mitschuld an dieser Mordorgie haben. Hier muss dringend etwas richtig gestellt werden.

Die Tat dieses Menschen ist wahrscheinlich nur psychopathologisch zu verstehen, wenn überhaupt eine Erklärung für solch ein Ausmaß des Gräuels möglich ist.

Es gibt das Phänomen des „erweiterten Suizids“ aus der forensischen Medizin, in das diese Tat nicht hinein passt: Jemand bringt sich und seine Familie um, weil er sich in einer inneren oder objektiven Not befindet und meint nur der kollektive Tod könnte noch einen Ausweg darstellen.

Man kann selbst auf Selbstmordattentäter eine solche Sicht entwickeln, wenn sie nicht von kriminell-terroristischen Ideologien und ihren Vereinigungen instrumentalisiert werden würden. Hass kann sich auf das weitere Umfeld ausweiten und kann dann beliebig um sich schlagen. Auch nachvollziehbarer Hass.

In Norwegen haben wir es mit einem Menschen zu tun, bei dem es unnachvollziehbar bleibt, woher sein Hass genährt wurde. Weder die Menschen, die er ermordete noch die Gesellschaft, in der er lebte, hatten ihm etwas angetan, was wir verstehen könnten.

Er lebte in einem Land großer demokratischer Sicherheit, einem freiheitlichem Land und obendrein mit höchstem Wohlstand. Da er offenbar nicht manifest schizophren oder wahnhaft ist, muss man aus psychiatrischer Sicht von einer schweren Form einer schizoiden Persönlichkeitsstörung ausgehen, die vordergründig „normal“ daher kommt.

Persönlichkeitsstörungen (Hitler, Goebbels, Pol Pot, Kim Jong-il etc., die Liste ist sehr lang) können in ihrer Gefährlichkeit wesentlich aggressiver sein als wahnhaft-schizophrene Erkrankungen.

Sie sind auch wegen ihrer äußeren „Normalität“ gefährlich und werden selbst von Fachleuten häufig übersehen. Sie kommen auch seltener in die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung – häufig nur bei milderer Ausprägung – weil sie unter anderem auch therapieresistent sind. Sie sind ja „normal“, sogenannte nette Nachbarn.

Dass der Täter in Norwegen mit einer islamophoben Ideologie kokettierte, ist nichts anderes als dem Zeitgeist verpflichtet. Als Kafka-Leser ist er offensichtlich nicht antisemitisch, was der gleiche Charakter zu früheren Zeiten mit Sicherheit gewesen wäre.

Siehe auch die amerikanischen Evangelikalen, heute glühende Verteidiger Israels, in früheren Jahrzehnten, sichere Antisemiten. Diese schwer gestörten Menschen können sich für die Inhalte ihrer Gedankenwelt aus irgend einem Zeitgeist bedienen.

Es ist sinnlos, die gesellschaftliche Debatte um die Stellung des Islam in der europäischen Gesellschaft aus diesem Kontext heraus zu diskreditieren. So wie es Moslems betrifft, könnte es auch Homosexuelle, Juden, Schwarze oder andere Menschen betreffen.

Die „Ideologien“ dieser gefährlichen Charakterstörungen verändern sich, gegeben hat es diese Menschen immer schon. In vielen Regionen der Welt sitzen sie sogar auf hohen Posten, foltern, töten und lassen Menschen zu Tausenden verhungern.

Der zivilisierte Mensch, für den auch die Psychopathologie und die Psychoanalyse zu einem Erkenntnisinstrument geworden ist, muss wachsam bleiben. Unsere Regierenden schütteln jeden Tag die Hände dieses gemeingefährlichen „Nebenmenschen“ (Freud). Nihil nove sub soli.

Wenn ausgerechnet diese Regierenden und ihnen nahestehende Politiker und Journalisten das Unglück der Opfer jetzt missbrauchen wollen, um sich einen Verbotsvorteil im ungeliebten Diskurs um den Islam zu verschaffen – was an Argumenten fehlt, soll das Gesetz übernehmen – ist das nicht nur niederträchtig, sondern auch gefährlich und verantwortungslos. Wer künftig die ohnehin geringe Chance erhöhen will, Taten solcher persönlichkeitsgestörter Psychopathen nach Möglichkeit zu verhindern, muss über die wahren Gründe der Taten und die Konstellationen, die Anlass zum Verdacht geben, sachgerecht, wahrheitsgemäß und in breiter Öffentlichkeit aufklären. Der Generalverdacht gegen Leser islamkritischer Internetseiten ist da wenig hilfreich und leitet die Aufmerksamkeit der Menschen in die falsche Richtung – was möglicherweise gewünscht ist.

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