Ein Augenzeuge in Kairo

Authentische Berichte von der aktuellen Entwicklung in Ägypten sind trotz – oder wegen – des Medieninteresses Mangelware. Die Nachrichten sind widersprüchlich und verwirrend. Der deutsche Journalist Gutjahr ist nach Kairo gereist und berichtet auf seinem Blog so gut es geht mit regelmäßigen Updates über seine Beobachtungen und Erlebnisse. Zu Gutjahrs Blog

  1. #1 von Köln am 31/01/2011 - 22:30

    Hamed Abdel-Samad im Gespräch
    Hier demonstriert keine islamische Sekte
    Der in Ägypten geborene Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hat schon als Jugendlicher gegen das dortige Regime demonstriert. Als die Unruhen ausbrachen, flog er sofort nach Kairo. Er spricht über eine Generation, die anders leben will.

    Herr Abdel-Samad, seit wann sind Sie in Kairo, und wie geht es Ihnen?

    Hamed Abdel-Samad veröffentlichte 2010 das Buch Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose Hamed Abdel-Samad veröffentlichte 2010 das Buch „Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose“

    Ich bin am Donnerstagmittag angekommen und habe am Freitag an den Großdemonstrationen teilgenommen. In den Nebenstraßen, die zum Tahrir-Platz führen, wo die Demonstration stattfinden sollte, waren wir stundenlang eingekesselt zwischen Polizeieinheiten, die uns ununterbrochen mit Tränengas beschossen haben. Auch Schlägerbanden und Polizisten in Zivil waren unterwegs. Im Getümmel wurde mir ein Finger gebrochen, und wie viele habe auch ich eine Rauchvergiftung erlitten, aber es geht schon wieder. Schließlich haben wir es geschafft, doch zum Tahrir-Platz zu gelangen. Plötzlich, am frühen Freitagabend, verschwand die Polizei ohne Ankündigung, der Platz gehörte uns sozusagen allein.
    Was war da geschehen?

    Manche spekulieren, die Menschen hätten keine Emotionen, keine Energie zum Demonstrieren mehr gehabt. Aber es war ein Befehl von oben: Präsident Mubarak, der den ägyptischen Streitkräften befohlen hat, für Sicherheit und Ordnung im Land zu sorgen, eine Ausgangsperre zu verhängen. Aber gerade als es darum ging, die Sicherheit von Bevölkerung und Einrichtungen zu gewährleisten, war die Polizei plötzlich nicht mehr da. Sie verschwand, als wäre sie nur da gewesen, um die Demonstranten in Schach zu halten. Von dem Moment an, als die Polizei sich zurückzog, traten im ganzen Land schwerbewaffnete Räuberbanden auf den Plan, die Geschäfte überfallen und Banken ausgeraubt haben, das Land in Brand steckten. Offenbar will Mubarak dem Westen auf diese Weise zu verstehen geben, dass die Demonstranten nichts als Räuberbanden waren, mit denen man kurzen Prozess machen muss. Es ist der faule Versuch, die Demonstranten zu diskreditieren. Man muss scharf trennen zwischen den Demonstranten und den organisierten Räuberbanden. Auf diese Weise will die Nationalpartei der Welt suggerieren, dass die Demonstrationen unrechtmäßig sind und dass sie die einzige Kraft ist, die für Sicherheit und Ordnung im Land sorgen kann.
    Mubarak will sich also der Unterstützung des Westens versichern und zugleich die Bevölkerung einschüchtern?

    Keine islamischen Rufe! – Es geht nicht im Fundamentalismus, sondern um Freiheit“Keine islamischen Rufe!“ – Es geht nicht im Fundamentalismus, sondern um Freiheit

    Ja. Dieser Präsident nimmt sein Volk als Geisel. Was hier in Ägypten seit Tagen geschieht – die Abschaltung von Internet und Facebook, von Telefonverbindungen, das Kappen der ausländischen Nachrichtensender –, das zeigt, dass Mubarak das, was er tat, tun wollte, ohne dass die Welt davon etwas mitbekommt, und dass nur seine Sicht der Ereignisse nach außen dringen sollte. Umso deutlicher wird: Hier ist eine Regierung, ein System am Werk, das keinerlei Respekt für sein Volk hat. Mubarak raubt sein Volk seit dreißig Jahren aus und verkauft dem Westen die Illusion, er sei ein Garant der Stabilität. Ich sage: Mubarak ist heute kein Garant mehr für Stabilität, sondern er ist eine Gefahr für Ägypten, für die gesamte Region. Wenn der Westen tatsächlich Frieden und Stabilität in der Region will, dann muss man ihm die Unterstützung entziehen. Überall sollte man die ägyptischen Botschafter einberufen und sie fragen, warum jetzt in Ägypten nirgendwo Sicherheit gewährleistet wird, warum überall Räuberbanden unterwegs sind, warum die Gefängnisse geöffnet und Verbrecher freigelassen wurden. Ich kann Ihnen die Antwort geben: Das ist alles systematisch angeordnet worden, um die Bevölkerung Ägyptens mit sich selbst zu beschäftigen, so dass die Menschen nicht mehr auf die Straße gehen und Angst haben, ihre Häuser zu verlassen, weil diese sonst geplündert werden. Und damit der Westen denkt: Ach, unser Mann Mubarak ist der beste Garant für Stabilität, halten wir an ihm fest.
    Ist die jetzige Bewegung in Teilen auch fundamentalistisch begründet?

    Nein, im Gegenteil. Mubaraks Behauptung, die einzige Alternative sei ein islamistischer Staat, ist eine faule Ausrede. Ich befand mich mitten in der Demonstration, als ein Anhänger der Muslim-Bruderschaft religiöse Parolen zu rufen begann. Die Umstehenden haben ihn zum Schweigen gebracht und zu ihm gesagt: Keine islamischen Rufe! Hier demonstriert das ägyptische Volk und nicht eine islamische Sekte. Auch daran sieht man, dass eine neue Generation herangewachsen ist, die nicht den Islamisten zuzurechnen ist. Es ist eine Generation, die anders leben will, frei. Der Westen sollte das honorieren und seine Stabilität jetzt nicht auf Kosten der Freiheit des ägyptischen Volks durchsetzen wollen.
    Auf welche Galionsfiguren setzt die Bewegung, wer könnte gegen Mubarak antreten?
    Zum Thema

    * Arabien: Eine verlorene Generation
    * Demonstranten drängen auf Sturz Mubaraks
    * Kommentar: Ein Duft von Jasmin in Ägypten
    * Aufruhr in Ägypten: Neue Regierung, Dutzende Tote

    Mohamed El Baradei wird von dieser jungen Generation sehr geschätzt, er galt immer als Hoffnungsfigur, auch wenn sie ein bisschen enttäuscht waren, dass er nur so selten unter ihnen war. Insofern war es gut, dass er am Freitag gerade noch rechtzeitig nach Ägypten zurückkehrte und so lange an den Demonstrationen teilgenommen hat, bis man ihn daran gehindert hat. Diese Figur ist da, und sie ist wichtig. Außerdem haben wir viele unabhängige Richter, auch wenn wir keine unabhängige Justiz haben. Die könnten die Geschicke des Landes lenken. Auch gibt es großartige Ökonomen, die bei Mubarak keine Chancen haben, weil sie demokratisch sind und ehrlich sagen, was falsch läuft. Es gibt ausgezeichnete politische Aktivisten. Aber natürlich muss man Demokratie auch erlernen. Und diesen Lernprozess darf man Ägypten nicht absprechen. Wir brauchen Zeit. Aber jetzt zu sagen, dass keine reife Regierung bereitstehe, die die Geschicke des Landes lenken könne, ist eine Ausrede. Eine solche Regierung lässt sich binnen 24 Stunden zusammenstellen, mit Beteiligung aller Parteien, aber ohne Mubarak und ohne Anhänger seines Regimes. Vielleicht mit Personen wie Geheimdienstchef Omar Suleiman, der auch geschätzt wird, auch wenn man ihn vielleicht nicht an der Spitze einer neuen Regierung wird sehen wollen. Die Menschen haben es satt, dass immer ein Mann die Macht an einen anderen weitergibt, ohne dass die Ägypter mitreden. Nasser hat es so mit Sadat gemacht, Sadat hat es mit Mubarak gemacht, und Mubarak wollte es mit seinem Sohn machen. Ich hoffe, dass das, was jetzt geschehen ist, ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.
    Wissen Sie schon, wie lange Sie jetzt noch in Kairo bleiben werden?

    Ich bleibe auf jeden Fall bis zum 7. Februar, vielleicht auch länger. Ich bin zwar ein deutscher Staatsbürger, aber hier in Ägypten bin ich ein Ägypter. Was allen Ägyptern geschieht, geschieht mir auch. Ich war in diesen Demonstrationen ein Teil von ihnen, und ich will sie jetzt nicht im Stich lassen. Man muss deutlich sagen, was hier geschieht. Und darum rufe ich alle Deutschen dazu auf, ihre Solidarität mit dem ägyptischen Volk zu erklären.

    Die Fragen stellte Felicitas von Lovenberg.

    Text: F.A.Z.
    Bildmaterial: dpa, picture alliance / dpa

  2. #2 von Zahal am 31/01/2011 - 23:29

    Nicht so gutgläubig sein….

  3. #3 von Zahal am 31/01/2011 - 23:35

    Suleiman oder Moslembruder El Baradei:
    Wer kommt nach Mubarak?

    http://www.haolam.de/index.php?site=artikeldetail&id=4325

    und:

    Israel beunruhigt über Muslimbrüder in Ägypten

    http://www.haolam.de/index.php?site=artikeldetail&id=4322

    Bezeichnend, daß die Obama-Administration offenkundig Mubarak fallen lässt …

  4. #4 von Zardos am 01/02/2011 - 00:10

    Danke Zahal!

  5. #5 von Dolomitengeist am 01/02/2011 - 11:17

    Auf Grund aktueller Ereignisse in Ägypten bleibt unser Live-Stream den ganzen Tag noch aktiviert
    ab 10h, der Marsch der Millionen
    http://dolomitengeisteu-dolomitengeist.blogspot.com/2011/01/islam-kriesenherdewir-berichten-live.html

  6. #6 von Zahal am 01/02/2011 - 23:01

    Das Blog ist ein einziger Gutmenschenblog, wo war der Reporter, als im Iran die Unruhen losgingen? Als Frauen öffentlich starben, als die ganze Bewegung gewaltsam unterdrückt wurde? WO WAREN DIESE sogenannten „REPORTER“? Sie hatten Schiss, anders als jetzt in Ägypten. Sie haben die Menschen dort, und die leiden wirklich unter einem unmenschlichen System, einfach im Stich gelassen. Noch heute sitzen sie dort in den Gefängnissen und verrotten, noch heute gibt es Hinrichtungen von Minderjährigen und Homosexuellen, von angeblichen Ehebrecherinnen und Apostaten

    Ich könnte vor lauter Ekel einfach nur noch kotzen, der Iran freut sich und hofft, es werde ENDLICH eine islamische Front geben – boahhhhhh, der Westen hat es nicht anders verdient.