Gruß an einen Gefangenen

Über die im Iran festgehaltenen deutschen Journalisten spricht man nicht gerne in Deutschland. Keine Lichterketten, keine Solidarität. „Selber schuld, wer in den Iran reist“ liest man sogar in den Kommentaren dieses Blogs. Viele vergessen, dass es Freiheit nur gibt, weil es einige wenige gibt, die sie auch unter persönlichen Opfern verteidigen. In der Berliner Zeitung schreibt wenigstens Peter Huth einen Neujahrsgruß an den gefangenen Freund und Kollegen.

Aus der BZ:

Dieser Neujahrsgruß geht in ein Gefängnis in Täbris/Iran. Er geht in die fensterlose Zelle meines Freundes M., in der er, gemeinsam mit einem Kollegen, seit fast elf Wochen eingesperrt ist. Er war dort an seinem 45. Geburtstag im November, an Heiligabend und, wenn kein Wunder geschieht, wird er auch noch im neuen Jahr dort sein.

Er sitzt in dieser Zelle, weil er das getan hat, was er immer tun wollte: Die Wahrheit herausfinden und darüber schreiben. Die Dinge vor Ort erkunden und ergründen. Nur, wer zu den Menschen geht, kann ihre Geschichten genau erzählen.

M. ist nicht nur ein Freund, ich war sein Vorgesetzter, als er noch für diese Zeitung gearbeitet hat. Manchmal haben wir gestritten, er kann sehr stur sein. Er ist ein ausgezeichneter Reporter.

M. fuhr nach Täbris, um über den Sohn einer Frau zu schreiben, die zum Tode verurteilt war. Jetzt wird über ihn berichtet. Der Journalist, der die Wirklichkeit nur darstellen wollte, ist selbst zum Objekt geworden.

Man hat seine Schwester einfliegen lassen, sie vier Tage und fünf Nächte in schrecklicher Ungewissheit warten lassen, die Frau dann quer durch das Land geschickt und schließlich ein Treffen in einem Hotel erlaubt.

Eine halben Tag durfte M. wieder ein fast selbstbestimmter Mensch sein, nur begrenzt durch die Mauern des Hotels und die Zeit: zwölf Stunden nach fast 2000 Stunden, die er mittlerweile gefangen war. Nach dieser Zeit müssen jedes Wort, jede Berührung, aber auch eine warme Dusche und ein geöffnetes Fenster, ein Geschenk sein. Ich habe mich unendlich für ihn gefreut, dass es dieses Treffen gab.

Doch dann sind da die Bilder, die ihn und seine Schwester, seinen Kollegen und dessen Mutter, beim Abschieds-Frühstück zeigen, gedreht vom iranischen Fernsehen.

Was sie beweisen sollen: Seht her, wir behandeln die Reporter gut. Sie sind in einem Hotel, fast wie Urlauber. Der Tisch ist mit Porzellan eingedeckt, da sind silberne Kerzenleuchter, es gibt Wasser und Tee, Kuchen, Äpfel und Orangen. Papierservietten stehen bereit.

Doch wer genau hinsieht, erkennt die Wahrheit: Die Kerzen stecken schief in den Leuchtern, wie hastig hineingesteckt. Die Kühltheken-Obstteller sind in Plastik eingeschweißt. Die Teller und das Besteck sind unbenutzt, die Schokotörtchen unberührt.

Eine Kulisse. Das einzige Echte auf den Bildern ist die Berührung der Hände von Bruder und Schwester.

Das Gesicht meines Freundes, das er häufig verbirgt, wenn die Kamera auf ihn hält, ist spitz geworden, mit grauen Haaren an den Schläfen. Sein Blick ist konzentriert, das war er schon immer. Aber das Lächeln dahinter fehlt.

Ein Reporter wie M. unterscheidet nicht zwischen Beruf und Feierabend, weil die Wirklichkeit auch keine Pause macht. Der Abend vor ein paar Jahren, an dem wir von Kollegen zu Freunden wurden, war so ein Reporterlebenabend: M. war auf Recherche, sein Kind war bei ihm, aus organisatorischen Gründen ging es nicht anders. Ich kam eher zufällig dazu.

Er wollte etwas beobachten, das war nur vom Wasser aus möglich, also hatte er ein kleines Boot geliehen. M. stand am Steuer, routiniert und hellwach, er musste navigieren, lenken und die Lage checken. Seine Tochter fragte ihn Löcher in den Bauch: Wieso, weshalb, warum? Er überlegte und antwortete: „Wenn ich schon alles wüsste, müsste ich es ja nicht herausfinden.“

Seine Tochter strahlte, weil Kinder solche Antworten prima finden, und er lächelte.

Mein Neujahrswunsch ist, dass dieses Lächeln zurückkehren kann.

Diesem Neujahrswunsch schließen wir uns an.

  1. #1 von Quertreiber am 30/12/2010 - 23:20

    Der Staat Iran nimmt seit 1981 Ausländer als Geiseln. Jedem ist das bekannt. Wer dort hin reist weiss was er tut.

  2. #2 von Neidhardt Grimmig am 31/12/2010 - 15:44

    Schmierfinken und Politiker haben den Wert und die Würde von Sackratten. Und nun gar von der Blah-Zeitung. Kroppzeug!

  1. Promis für die gefangenen Journalisten « quotenqueen