Warum ist König Balthasar schwarz? – Teil 3

Gastbeitrag von Klaus Lelek
Ein dreister Kunstdiebstahl im Kölner Dom. Heiße Hehlerwahre findet ihren Weg zurück nach Rom. Der Kameo landet in Wien. Wird er irgendwann weiter wandern von einer Hand zur anderen? Letzter Teil der Odyssee eines Steines:

Wir schreiben das Jahr 1574 in Köln. Dort wo heute regelmäßig Graue Wölfe, Kurden und Islamisten lautstark ihre Friedfertigkeit demonstrieren, erhoben sich damals keine 157 Meter hohen Türme sondern nur steinerne Stümpfe, die über die Höhe eines Bürohauses nicht hinaus reichten. Hatte man diese passiert, dann musste man fast 80 Meter durch eine ewige Baustelle laufen bis man vor einer 42 Meter hohen, Fensterlosen Wand stand. Statt eines prächtigen Portales befand sich dort eine unspektakuläre Pforte. Dahinter lag der eigentliche Dom.

Er bestand nur aus dem Chor, nicht besonders lang, aber dafür Schwindel erregend hoch. Strenggenommen war dieser Torso gar kein Dom, sondern nur eine Stadtkirche, ein Münster, denn die Kölner hatten ihren Erzbischof bereits 40 Jahre nach Baubeginn 1288 aus der Stadt gejagt. 1424 die Juden, später die Protestanten was dann langsam aber stetig zum Niedergang führte.

Den oben beschriebenen Weg nahmen vermutlich an einem kalten Januarmorgen in aller Herrgottsfrühe zwei oder drei zwielichtige Gestalten. Vielleicht auch ein Päärchen. Um den Anschein völliger Harmlosigkeit zu erwecken. Wie immer um diese Jahreszeit war es auch damals ziemlich dunkel, genauer gesagt mangels Straßenbeleuchtung stockfinster, so dass niemand die Burschen überhaupt zu Gesicht bekam. Der Küster war vielleicht gerade dabei die Kerzen des Altares für die Frühmesse zu entzünden oder war sonstwie beschäftigt, als sich die Räuber am Dreikönigschrein zu schaffen machten. Falls er überhaupt etwas hörte, so war es ein lautes Knacken. Die Diebe rissen nämlich mit ziemlicher Brachialgewalt den Kameo aus der goldenen Einfassung. Dabei brach der untere Teil, mehr als ein Viertel, ab. Dann verschwanden sie bühnenreif mit ihren wehenden schwarzen Mänteln im Gewirr der in Dunkelheit liegenden Gassen.

Ob es schon damals das berüchtigte und gefürchtete Kölner Verbrecherviertel gab, vor dem die Reiseschriftsteller des 18. Jahrhunderts ihre Leserschaft warnten, ist mir nicht bekannt. Hätte der Kameo den Weg dahin gefunden, wäre er sicherlich schon bald wieder aufgetaucht.
Und zwar im Dekoltee einer Dirne, so fand er andere, nicht minder anrüchige verschlungene Pfade.

Anfang des 17. Jahrhunderts taucht er kurz in Rom auf, einer gleichfalls sündigen Stadt, neu gefasst und geschickt repariert. 1669 endlich entdeckt ihn ein englischer Reisender in der Kaiserlichen Schatzkammer von Wien. Wie die heiße Hehlerware dorthin gelangte, weiß bis heute niemand. Oder aber, man hat alle Spuren geschickt verwischt. Er wird heute mit anderen Kleinodien in der Wiener Antikensammlung aufbewahrt. Die Kölner Domherren haben den Raub durch einen großen Zitrin ersetzt. Ob es zwischen Köln und Wien, beziehungsweise dem Habsburgischen Kaiserhaus, jemals Gespräche bezüglich der Rückführung der „Beutekunst“ gegeben hat, ist nicht bekannt. War der Diebstahl am Ende ein abgekartetes Spiel zwischen dem damals schon vorhandenen „Kölner Klüngel“ und einem Päpstlichen oder gar Habsburgischen Kunstliebhaber? Zum Zeitpunkt des Diebstahles glaubten nur noch einfältige Kirchgänger an den Himmlischen Ursprung des Steines. Dafür quälten Geldknappheit die einst so wohlhabende Reichsstadt. In der Zeit der Renaissance waren antike Gemen und Kameoe eine begehrte Ware. Längst waren Gelehrte in der Lage die Geschichte und die Herkunft antiker Kunstwerke zu bestimmen.

Die nächste Frage, die man sich stellen muß lautet: „Hat der Stein in der Wiener Antikensammlung seine endgültige Ruhestätte gefunden oder muss er weiter wandern von einer Hand zur andern? Längst klopfen ägyptische Museumsdirektoren und Archeologen an die Pforten Deutscher und Europäischer Museen und fordern die Rückführung antiker Skulpturen. Die Nophretete steht bereits auf ihrer Wunschliste. Vielleicht irgendwann auch das Alexandrinische Amulett? Noch gibt es für solche Forderungen keine Rechtsgrundlage. Aber wer unsere Richter kennt, die schon jetzt nach „Shariaunrecht“ Witwen um ihr rechtmäßiges Erbe bringen und islamische Totschläger mit Tagessätzen auf freien Fuß setzen, weiß, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann auch der Besitz von Kulturgüter neu geregelt wird.

Wer ist eigentlich Besitzer des wertvollen Kameos? Das einzige Gesetz, das Wien vor dem Vorwurf schützt, „Hehlerware“ eingekauft zu haben, ist die Verjährung. Die Kölner hätten also spätestens nach 1669 gegen den Kaiser Klage erheben müssen.

Sind die Kölner, die den Stein als „Kriegsbeute“ erwarben, überhaupt seine rechtmäßigen Besitzer? Oder gar am Ende die Türkei, die als Nachfolgerin von Byzanz automatisch auch die Rechtsnachfolge angetreten hat und die unbescholtene Familienväter, deren Kinder eine antike Scherbe als Souvenir mitnehmen, für Monate zu Schwerverbrechern in den Knast sperren? De jure ist diese Hypothese gar nicht so abwegig. Da Kleopatra sich ja mit Antonius vermählt hatte, wären irgendwann, spätestens nach ihrem Tode, alle ihre Schätze in römischen Besitz gelangt. Andererseits…

Wie immer man die Dinge dreht und wendet, der Kameo aus Alexandria hat eine aufregende und interessante Vergangenheit. In ihm spiegelt sich über 2000 Jahre Weltgeschichte. Vielleicht liegt auf ihm gar ein Fluch, der ihn von Zeit zu Zeit auf die Reise schickt.

Ich habe ihn nur einmal gesehen, als Highlight einer Ausstellung über den Hellenismus im Staedelmuseum Frankfurt. Wer weiß, was dieses Kleinod in diesem Jahrtausend noch alles erleben wird. Haben die Steine am Ende eine unsterbliche Seele? Für Hildegard von Bingen sind sie „Der Spiegel Gottes, in welchem Luzifer, der erste Engel, den Willen des Schöpfers erkannte“. Ähnlich äußert sich auch ihr großer „heidnischer“ Vorgänger Plinius:

„In den Edelsteinen ist die ganze Majestät der Natur auf engstem Raum zusammengedrängt und ein einziger genügt , um darin das Meisterwerk der Schöpfung zu erkennen“.

Wenn ich auf meinen einsamen Spaziergängen über ausgedehnte umgepflügte Felder plötzlich mitten zwischen Erdklumpen und Kieselsteinen einen wunderschönen Honigopal blitzen sehe, dann weiß ich, dass dies kein „Zufall“ war. Wenn man ganz still ist, dann hört man die Edelsteine klagen und seufzen über die Gier und Dummheit der Menschen.

Gastbeiträge geben die meinung des Autors wieder, die nicht der der Redaktion entsprechen muss

Warum ist König Balthasar schwarz? – Teil 1
Warum ist König Balthasar schwarz? – Teil 2