Obdachlosenmord: Ein Jahr auf Bewährung

Zu Pfingsten dieses Jahres erschütterte der grausame Mord eines jungen Immigranten und seiner Kumpane an einem Obdachlosen das Ruhrgebiet. Aus Langeweile schlugen die Jugendlichen das Opfer tot, das in einem Auto auf einem Parkplatz lebte. Jetzt fand das Gericht zu einem Urteil für den Haupttäter „Im Namen des Volkes“: Ein Jahr Haft – die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt.

Der WESTEN berichtet:

In der Nacht zu Pfingstsonntag gegen drei Uhr wurde auf dem Parkplatz am Pappelsee in Kamp-Lintfort die Leiche eines 51-jährigen Mannes gefunden, den viele der An­wohner zumindest vom Se­hen kannten. Er lebte auf diesem Parkplatz, als Behausung diente ihm ein alter Opel Corsa, vollgestopft mit der ihm verbliebenen Habe. Auf diesem Parkplatz starb er auch in dieser Nacht, erstickte an seinem eigenen Blut, Sekunden bevor er an einer schweren Kopfverletzung erlegen wäre. Eine Mordkommission unter Leitung von Arndt Rother verhaftete nur wenige Tage später einen damals noch 16-Jährigen – die Beamten waren sich sicher, einen Mörder gefasst zu haben.

Dieser Auffassung war auch die Staatsanwaltschaft. Staatsanwalt Stefan Müller hatte für den mittlerweile 17-jährigen, des Mordes Angeklagten neun Jahre Gefängnis gefordert. Die Große Jugendkammer des Landgerichts Kleve unter Vorsitz von Richter Johannes Huismann sah sich jedoch außer stande, dem Jugendlichen den Mord nachzuweisen.

„Keiner der Angeklagten wurde wegen eines Tötungsdelikts verurteilt“, erklärte nach der Urteilsverkündung Jürgen Ruby, Pressesprecher des Landgerichts. Die Kammer ha­be allerdings auch klar gestellt, dass nicht etwa ein Unfall, sondern Schläge gegen den Kopf zum Tod des 51-jährigen Ob­dachlosen führten, so Ruby weiter. Nach dem Ausschöpfen aller Beweismittel habe die Kammer nicht sagen können, ob der Hauptangeklagte, ein gleichaltriger, wegen Körperverletzung Angeklagter oder auch die beiden „Mitläufer“ die tödlichen Schläge führten.

Der Hauptangeklagte, so Ru­­by weiter, habe in der Verhandlung erklärt, er sei mit dem Auto des Opfers weggefahren, nachdem sich der 51-Jährige nicht mehr an das Fahrzeug habe klammern können. Zum Parkplatz sei er nicht zurückgekehrt. Tatortspuren, die diese Aussage hätten widerlegen können, wurden nicht gefunden. Für die Kammer galt daher: in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten.

Verteidiger Stephan Küppers freut sich über das Urteil, das wohl „nicht mediengerecht sei. Eher dagegen.“ Seinerzeit hatte der WESTEN ausführlicher über den Tathergang berichtet:

Vier Jugendliche suchten sich in der Nacht zu Pfingstsonntag den obdachlosen Klaus B. als Opfer aus. „Ärgern“ wollten sie den stark sehbehinderten Mann, der in einem alten Opel Corsa auf dem Parkplatz des Pappelsees lebte. Ihr Motiv: Langeweile. Doch was vielleicht als grober Spaß begann, endete in einer Orgie der Gewalt, endete mit einem Mord. Ein 16-jähriger Schüler sitzt seit Freitaabend wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft; einer seiner Komplizen, ebenfalls 16 Jahre, wegen gefährlicher Körperverletzung. Zwei weitere Schüler, beide 17 Jahre alt, hatten sich aus dem Staub gemacht, bevor die Situation eskalierte.

Es war der Abend vor Pfingstsonntag, als die vier Jugendlichen sich trafen und aus Langeweile beschlossen, den Obdachlosen zu drangsalieren. Es begann damit, dass sie den 51-Jährigen anmachten, dann an dem uralten Opel wackelten, in dem der Sehbehinderte saß. Die Kennzeichen wurden abgerissen; der 16-jährige, aus Ex-Jugoslawien stammende Haupttäter sprang erst auf die Motorhaube, dann auf das Dach des Autos. Den beiden 17-Jährigen wurde die Sache wohl zu mulmig, zudem musste einer von ihnen nach Hause.

Der 16-jährige Schläger, der der Polizei schon längst unter anderem wegen Körperverletzung aufgefallen war, ließ sich davon nicht abhalten. Sein gleichaltriger Komplize hielt sich abseits, die beiden anderen flüchteten, als der 16-Jährige die hintere Scheibe des Corsa eintrat, in dem Klaus B. hilflos gefangen war. Der Obdachlose wusste sich nicht anders zu wehren, als mit seinem Handy den Angreifer zu filmen. Das passte dem Schläger nicht; erst stritt er mit seinem Opfer, dann kam es zu einem Ausbruch nackter Gewalt. Alkohol war dabei nicht im Spiel.

Nach der Tat fuhr der 16-Jährige den Opel auf die andere Seite des Pappelsees. Er machte dabei so viel Lärm, dass Anwohner der Brandstraße aufwachten und nach dem Rechten sahen. Der Jugendliche, der nun als Mörder gelten muss, entschuldigte sich für den Lärm und ging zurück zum Tatort. Mit seinem Komplizen ging er über den Parkplatz in die Innenstadt; vorbei an seinem Opfer, um dessen Schicksal sich beide nicht scherten. Der Mann blieb auf dem Parkplatz liegen und erstickte schließlich an seinem eigenen Blut. (…)

Polizeibekannt sind alle vier Jugendlichen, als so genannter Intensivtäter wird indes keiner beschrieben. Kriminalhauptkommissar Rother beschreibt den Haupttäter als emotionslos. Auch als abgerüht? Ja, so der Leiter der Mordkommission, diese Vokabel würde er verwenden.

Durch den de facto Freispruch dürfte der Gewohnheitsverbrecher sich ein weiteres Mal in dieser Geisteshaltung bestärkt fühlen.

  1. #1 von Böhme am 21/12/2010 - 21:33

    Der Obdachlose hat anscheinend nicht in Richtung Mekka gebetet. Sein Pech, sagen unsere PolitikerInnen.