Der SPIEGEL hat etwas gemerkt: Wie alle Schlächtereien im Haus des Friedens nährt sich auch der syrische Bürgerkrieg aus der Religion der Region. Denn natürlich haben eher säkulare Alawiten, die ihre Frauen nicht verschleiern, kein Interesse den säkularen Diktator gegen einen mohammedanischen Gottesstaat zu tauschen. Da muss die weltlich orientierte Armee nicht erst, wie von den deutschen Journalisten, die wie üblich auf Seiten der radikalen Moslems stehen,behauptet, religiöse Konflikte fördern. Grotesk wird es, wenn die wenig sachkundigen Reporter die mörderischen Konflikte innerhalb der islamischen Konkurrenzsysteme als “Konfessionskonflikte” verharmlosen, als ginge es hier um theologische Unterschiede wie zwischen Katholiken und Protestanten in Deutschland.
Der SPIEGEL belehrt:
Die syrische Opposition wirft dem Regime vor, in dem Dorf Tremseh bei Hama mehr als 220 Männer, Frauen und Kinder ermordet zu haben. Manche sollen durch Artilleriebeschuss der Armee umgekommen, andere von Milizen aus Nachbardörfern getötet worden sein. Kofi Annan sagte am Freitag, es sei erwiesen, dass in Tremseh Artillerie, Helikopter und Panzer eingesetzt worden seien. Dies sei eine klare Verletzung seines Friedensplans durch die syrische Armee. Die Organisation für Islamische Kooperation (OIC) hat ein Eingreifen der Vereinten Nationen “mit allen Mitteln” gefordert.
Wie so oft in diesem blutigen Konflikt: Die Angaben über das Massaker lassen sich kaum überprüfen. Denn die Uno-Beobachtermission ist zurzeit aus Sicherheitsgründen nicht im Einsatz. Zudem verweigert das syrische Regime es der Menschenrechtskommission der Uno, Journalisten und internationalen Organisationen, die Situation im Land frei und unabhängig zu untersuchen.
Tremseh ist auf YouTube keineswegs unbekanntDie Videos, die syrische Aktivisten auf YouTube hochladen, erzählen nur eine Seite der Geschichte. Doch auch diese ist aufschlussreich. Diese Version legt nahe, dass der Konflikt in den ländlichen Regionen Zentralsyriens, wo verschiedene Glaubensrichtungen neben- und nicht miteinander in Dörfern leben, zum brutalen Konfessionskrieg wird – befeuert von der syrischen Armee, die mit ihrem Vorgehen religiöse Spannungen schürt.
Tremseh ist ein kleines Dorf. Doch es steht nicht zum ersten Mal im Brennpunkt. Bereits am 5. Juli 2011 gibt es auf YouTube erste Videos, die in dem Ort aufgenommen worden sein sollen. Sie zeigen einen Demonstrationszug, bei dem die Menschen skandieren: “Das Volk will den Sturz des Regimes!”
In den folgenden Monaten werden immer neue solcher Protest-Videos hochgeladen. Auf manchen Bilder ist Volksfest-Stimmung zu sehen. Ein paar hundert Menschen – Männer, Frauen, Kinder – klatschen und tanzen, während ein Vorsinger ruft: “Baschar, hau ab!” Auf wessen Seite diese Demonstrierenden stehen, ist klar.
Am 2. Dezember 2011 gibt es erstmals Aufnahmen, in denen Leichen zu sehen sind. In einem Raum liegen zwei junge Männer auf Tragen. Der eine hat eine Schusswunde im Unterleib, der andere eine große Naht mitten auf seinem Bauch. Die Männer sollen von Anhängern Assads umgebracht worden sein. Auf einem Video, das am folgenden Tag aufgenommen worden sein soll, weht über einem Trauerzug die Flagge der Assad-Gegner.
Trotz der Opfer scheinen die Demonstrationen weiterzugehen. Ein Video, das am 21. Dezember 2011 in Tremseh entstanden sein soll, zeigt Proteste unter dem Motto: “Wir machen weiter, bis das Regime fällt!” Am 15. und 19. Februar 2012 gibt es wieder Bilder von Leichen. Diesmal heißt es: Die insgesamt zehn Männer seien von Pro-Regime-Milizen aus der Nachbarschaft erschossen worden.
Wenig später im Februar scheint die syrische Armee eine erste Offensive gegen Tremseh zu starten. Videos zeigen zerschossene Häuser. Selbst ein Minarett wurde zerbombt. Dies kommt einer bewussten religiösen Provokation gleich. Ein Aktivist ruft: “Gott ist größer als Du, Baschar!”
Es ist nicht das erste Mal, dass Assads Soldaten sunnitische Sensibilitäten verletzen. So fiel im vorigen Jahr der Beginn einer Armee-Offensive mit dem für Muslime heiligen Fastenmonat Ramadan zusammen. Neu ist jedoch, dass die Armee – beziehungsweise die Reste davon der noch nicht desertierten Soldaten – offen Partei für Alawiten ergreifen. Schon bei dem Massaker in Houla im Mai hieß es, dass Armee und alawitische Milizen der Nachbarschaft gemeinsame Sache machten.
Schockierend ist ein Video vom 28. März 2012. Es soll die syrische Armee zeigen, die gerade aus Tremseh abzieht. Die Soldaten sitzen in weißen Bussen, auf Pick-ups und Lastwagen, beladen mit Kisten. Einen Pick-up ziert auf der Motorhaube das Graffito “Baschar!”. Auch Abschleppwagen, die Autos ziehen, fahren im Konvoi mit. Es sieht eher nach einem Plünderfeldzug aus als nach einem Kampf gegen Aufständische.
Am Straßenrand stehen Syrer und jubeln der Armee zu. “Sie kommen aus Tremseh!”, ruft einer. Die Militärs hupen, die Zuschauer am Straßenrand klatschen sich mit den vorbeifahrenden Soldaten ab. Im Text zum YouTube-Video heißt es, dass es sich dabei um Syrer aus einem Nachbardorf von Tremseh handelt. Einmal erscheint eine junge Frau mit hellen Haaren und Pferdeschwanz im Bild, ein weiteres Mal eine Frau mit schwarzen Haaren und Pferdeschwanz.
In den ländlichen Regionen Syriens ist es unüblich, dass sunnitische Frauen ihr Haar unbedeckt tragen. Es legt den Schluss nahe, dass dieses Nachbardorf nicht sunnitisch geprägt ist, sondern die Bewohner Teil einer der Minderheitskonfessionen Syriens sind – vermutlich den Alawiten, zu denen auch Assad und ein Großteil des Sicherheitsapparats gehören. Die syrischen Soldaten in dem Video scheinen also bewusst konfessionell motiviert zu handeln.Das ist die Vorgeschichte zu dem mutmaßlichen Massaker, bei dem Nachbarn Nachbarn umgebracht haben sollen. Die Sicht der anderen Seite kennt man nicht. Hatten zuvor auch Einwohner von Tremseh ihre alawitischen Nachbarn bedroht, ausgeraubt oder erschossen? Ungewiss.
Das glauben wir auch nicht. Wer frmm genug ist, seine Frauen nicht unverschleiert auf die Straße zu lassen, kann doch eigentlich nur Gutes tun und nach den friedlichen und weisen Vorschriften des Koran ein gottgefälliges Leben führen. Alles andere wäre eine ganz große Überraschung. Denn Islam heißt doch Frieden?
#1 von zweitesselbst am 14/07/2012 - 18:54
naya, die Religion ist doch nur der Überbau, das theoretische Konstrukt sozusagen, das aber nur funktioniert, so lang es auch glaubwürdig scheint. Tatsächlich geht es um Geld und Einfluss. Also um Macht.
Und während die einen dachten, eine freie ´Gesellschaft wär möglich, oke, hat sich nach meiner Erfahrung infolge menschlicher Schwächen als unmöglich erwiesen, sehen die Andern nur die Macht in den falschen Händen. So wechselt aber eine Macht die Andere.
Aber Freiheit ist erst, wenn die Herrschaft des Menschen über sich selbst ein Ende findet.
#2 von stm am 14/07/2012 - 19:02
#1 von zweitesselbst am 14/07/2012 – 18:54
Verzeih mir, wenn ich widerspreche, aber ich würde es eher umgekehrt formulieren: Freiheit ist erst, wenn die Herrschaft des Menschen über sich selbst beginnt, und zwar jedes einzelnen, bevor er, von irgendwelchen schrägen Phantasien beherrscht, versucht, andere zu beherrschen.
#3 von Jaette am 14/07/2012 - 20:28
“Gott ist größer als Du, Baschar!”
Wie groß ist er denn eigentlich? Die einzige mir bekannte Quelle ist ein Spottreim, der die Größe des besagten “Gottes” mit 160cm angibt.
Satiremode off!
@ #1 von zweitesselbst
die Religion ist doch nur der Überbau
Dank intensivem Feindstudium glaube ich zu wissen, dass Religion, somit das besagte Opium,
wirklich zum Überbau gezählt wird. Stellt man aber die existierende Basis, die ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse darunter, kippt das Konstrukt im speziellen Fall ! Dort wird momentan wahabitisches (und leider auch anderes)Kapital hereingepumpt, um nicht die besagte Basis, sondern den besagten Überbau aufzuwerten. Das System wird somit kopflastig, also instabil! Marxsche Begriffe/System sind also nicht für Wüstenmenschen anwendbar!
#4 von kolat am 24/07/2012 - 09:32
Na, das ist doch mal interessant…
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Der britische Außenminister William Hague hatte nach dem UN-Veto gegenüber BBC gesagt, man würde jetzt die praktische Unterstützung für die syrische Opposition intensivieren und für mehr “humanitäre Hilfe” außerhalb des Sicherheitsrates sorgen. Sehr “praktisch” ist es offenbar, wenn führende syrische Minister bei Anschlägen der Opposition ermordet werden – auch wenn man seine Hände offiziell in Unschuld wäscht und behauptet, “tödliches” Militärmaterial würde nicht an die Opposition geliefert.
Der russische UN-Botschafter sagte dazu: “Leider scheint die Strategie unserer westlichen Kollegen darin zu bestehen, bei jeder Gelegenheit weitere Spannungen in und um Syrien herum zu entfachen. Und dieses Mal nutzten sie die Gelegenheit der Verlängerung der [UN]-Monitoring-Mission in Syrien und versahen ihren Entwurf mit einer Reihee unakzeptabler Klauseln… Leider haben sie überhaupt nichts getan, um einen produktiven und positiven Prozeß in Gang zu setzen und zu befördern. Stattdessen haben sie mit den sogenannten “Freunden Syriens” zusammengearbeitet. Diese Gruppe sind Gegner der syrischen Regierung; ich würde sie nicht Gegner der syrischen Bevölkerung nennen, aber sie wollen um jeden Preis die syrische Regierung zu Fall bringen, ohne Rücksicht auf die extrem tragischen Konsequenzen.”
“Humanitäre Intervention hört sich leider nur human an, aber Tatsache ist, daß jede militärische Intervention, aus welchem Grund auch immer, unweigerlich zu mehr Blutvergiessen führt. Und wir wissen, daß diese größten Humanisten der Welt – die USA und Großbritannien – beispielsweise im Irak intervenierten, indem sie alle möglichen noblen Vorwände zitierten – in diesem Fall nicht-existierende Massenvernichtungswaffen. Und was setzte das in Gang: 150.000 tote Zivilisten, ganz zu schweigen von Millionen Flüchtlingen, Vertriebenen und der völligen Zerrüttung des Landes. Also lassen Sie sich nicht von humanitärer Rhetorik verführen.”
Die ungeheure Gefahr, die von der Eskalation in Syrien und gegen den Iran ausgeht, kann gar nicht dramatisch genug eingeschätzt werden. Schon vor Monaten warnten der russische Genralstabschef Makarow und andere hochrangige Vertreter vor der Gefahr eines Eskalation im Nahen Osten , bei der auch Nuklearwaffen eingesetzt werden könnten. Und die amerikanische Militärführung unter Generalstabschef Martin Dempsey hat in den vergangenen Monaten mit vernünftigen Kreisen im israelischen Militär- und Sicherheitsapparat alles getan, um die Kriegsfraktion um Netanyahu unter Kontrolle zu halten – ganz im Gegensatz zur politischen Führung unter Präsident Obama, der sich für seine Wahlkampagne von Tony Blair “beraten” lässt.
In Deutschland sollte man eigentlich noch aus historischer Erfahrung wissen, daß fortwährender “Regimewechsel” ebenso wie Nibelungentreue immer in den Abgrund führt! Jetzt muss eine politische Lösung auf den Tisch, bevor es zu spät ist!
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Starker Auftritt!
Quelle: Russia Today